When the mountains call – Kunst als urbanes Markenzeichen

Im bekanntesten Wintersportort der Welt St. Moritz geben sich Stars und Sternchen aus Sport, Film und Politik ein Stelldichein. Auch in Bad Gastein gibt es Schneesicherheit, Abfahrten und Loipen für Anfänger und Profis. Neben Après Ski will man nun durch zeitgenössische Kunstprojekte die Kreativen in die Berge locken und ist damit extrem erfolgreich.

Ein Stiertritt in den Hintern war der Grund, warum Erzherzog Johann von Österreich 1822 nach Bad Gastein kam. Das Gasteiner Thermalwasser, bekannt für seine heilende Wirkung, sollteseine Gesäß-Schmerzen lindern. 40 Jahre nach Johann von Österreich war es Kaiser Wilhelm I., der das Dörfchen für sich entdeckte und mitsamt Hofstaat, Gestühl und Silberbesteck regelmäßig nach Bad Gastein reiste. Ihm folgten Franz Schubert, Arthur Schopenhauer, Thomas Mann und Gustav Klimt. Alle badeten sie im radonhaltigen Heilwasser. Für derart prominenten Besuch mussten standesgemäße Unterkünfte gebaut werden, so errichtete man im Halbgrund des Hanges prächtige zehn- bis zwölfstöckige Hotelsteinbauten, die ein wenig Prunk und Großstadtflair in die hinterwäldlerischen österreichischen Alpen bringen sollten.

Kuratorin Andrea von Goetz

Das alles passierte vor der Jahrhundertwende. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben die Prominenten weg, dafür entdeckte der Ort den Wintersport. Die Skifahrer sollten die Einnahmen bringen, die im Sommer fehlten. Die Rechnung ging nicht auf. Die prächtigen Hotels wurden zu Hotelbaracken. Die Läden schlossen. Selbst für den Abbruch fehlte das Geld. Man hoffte weiterhin auf den Boom und auf neue Gäste. Die blieben aus. Gut eine Autostunde von Salzburg entfernt und versteckt im Schatten der Tauern liegt das kleine verwunschene Bergörtchen Bad Gastein. Verwinkelte Gassen, steile Treppen, fünf Millionen Liter Thermalwasser täglich, die als tosender Wasserfall den Ortskern durchschneiden, all das macht diesen urigen Kurort aus.

Heute gibt es hier immer noch einen Radon-Stollen, in den sich Leute mit Asthma oder Arthritis legen. Aber es gibt weitere Gründe warum man wieder nach Bad Gastein reisen sollte. Junge, mutige Kreative zeigen wie Bergdörfer aussehen können und setzen die Besonderheiten des Ortes mit den Mitteln der zeitgenössischen Kunst ins Scheinwerferlicht. Unter dem Titel »sommer.frische.kunst« und »kunstresidenz« 2012 fördert das Stipendiaten-Programm »Artists-in-Residence« unter Kuratorin Andrea von Goetz junge Künstler und bringt mit einem Kunstfestival Leben in das verschlafene 4400-Seelen-Dorf. Für vier Wochen wird ein leer stehendes Wasserkraftwerk aus dem Jahr 1914 zum Atelier für Stipedianten wie Corinne von Lebusa, deren Collagen als Kampfansage an weibliche Rollenbilder gelten oder Florian Neufeldt, der bei Tony Cragg in Düsseldorf studierte und Treppen und Türen in seine Skulpturen einbaut. Die jungen Künstler sind vor allem über die zuvorkommende Unterstützung der umliegenden Werkstätten glücklich. »In meinem Fall waren es die Schlosser. Das war ein Luxus den man in der Form und Unkompliziertheit selbst mit guten Kontakten in Berlin nicht findet.«, so Florian Neufeldt, der neben der Kunst auch mal mit dem Sohn der Kuratorin zum Angeln ging. Seit inzwischen drei Jahren werden die Werke der jungen Künstler als beeindruckende Bestandsaufnahme zeitgenössischer Kunst in umliegender Natur und koorperierenden Hotels ausgestellt. Während man die verschlungenen, baumbewachsenen Gassen entlang schlendert, befindet man sich also mitten in einem Kunstparcours; auf jenem Kunstpfad, der die einzelnen Stationen miteinander verbindet und den Ort Bad Gastein zum Ausstellungsobjekt werden lässt.

Die Kunstresidenz, altes Wasserwerk am Wasserfall, © Andrea v. Goetz 2012

Das »Artists-in-Residence« Programm bietet den Künstlern die Möglichkeit in einer neuen Umgebung zu leben, zu arbeiten und ihre eigenen Erfahrungen mit lokalen Eigenheiten zu kombinieren, um Kunst in und für die Gegend zu realisieren. Hierdurch entsteht ein reger Austausch von kreativem Potential. Einer Künstlerin wurde sogar eine Lehre angeboten, falls es mit der Kunst nicht klappt, so Andrea von Goetz. Die Kuratorin freut sich sehr über das wachsende Interesse der Öffentlichkeit: »Wir spüren durch Presseanfragen, Buchungen und den Besuch von namhaften Personen aus der Kreativszene, dass wir auf dem richtigen Weg sind.«

Künstlerin Corinne von Lebusa

Bei den Vorbereitungen zum Kunstfestival blinzelte man dabei immer wieder in Richtung Nachbarland und die dort ansässige Gemeinde St. Moritz im Engadin. Der Ort, der lange Zeit nur für mondänen Wintersport und den Jetset der Reichen und Schönen stand, trumpft seit einigen Jahren mit seinem Engagement in puncto Kunst auf. Denn auch St. Moritz kann und will mehr: Seit 2008 verteilen sich dank der »SAM – St. Moritz Art Masters« die Werke namhafter Künstler über das schweizerische Terrain. Böse Zungen behaupten, man nutze die zeitgenössische Kunst in sommerlichen Zeiten der stillstehenden Skilifte um die Konzernchefs mit einem Hauch verruchten Glamours zu umgeben, doch was die Kunstgalerien aus St. Moritz und Umgebung sowie die von Reiner Opoku kuratierten Ausstellungen entlang des »Walk of Art« bieten, kann sich sehen lassen. Ein öffentlicher Kunstparcours mit Bildern, Skulpturen, Fotografien und Videoinstallationen führt durch Museen, Galerien und öffentliche Plätze im umliegenden Engadin. Dieses Jahr wird fünfjähriges Jubiläum gefeiert. Bereits im Februar machte eine Ausstellung des amerikanischen Fotokünstlers David LaChapelle den Auftakt. Mit surrealen Bildern von Cheyco Leidmann, postmodern-bizarren Werken von Occhiomagico und Edelkitsch-Visionen von Bettina Rheims wird es weitergehen. Außerdem bildet Brasilien den Themenschwerpunkt. Der Künstler Vik Muniz wird die Serie Verso präsentieren – eine Reihe dreidimensionaler Trompe-l’OEils, welche die Rückseiten von bekannten Werken wie Les Demoiselles d’Avignon von Picasso, Van Gogh’s Sternennacht und Seurat’s La Grande Jatte zeigen.

Hochkarätig ist die Liste der Künstler, prominent besetzt das Programm aus Symposien und Konzerten. Das Oberengadin bietet hierfür variantenreiche Bühnen: Grandhotels, Heilquellen, umgebaute Bauernhäuser, Banken und Galerien wie die von Bruno Bischofberger oder Karsten Greve. Und natürlich den öffentlichen Raum. »Die Natur tritt hier in eine couragierte Symbiose mit der Kunst. Die Möglichkeiten, die es in der Natur gibt, gibt es in Museen und Institutionen nicht.«, so Rainer Opoku. Er gehe davon aus, dass die Kreativwirtschaft in St. Moritz in nächster Zeit noch näher zusammenrücken wird. St. Moritz habe ein weiteres Standbein neben dem Wintersport dazu gewonnen. Die Erfahrung zeigt, dass es gerade die künstlerischen Projekte sind, wie die in St. Moritz und Bad Gastein, die später eine hohe Identifikation mit dem Ort bewirken und einen wesentlichen Faktor für ein kulturell orientiertes Stadtmarketing schaffen können. Der Künstler Florian Neufeldt überlegt ernsthaft, ob er sich eine kleine Wohnung in Bad Gastein zulegen soll: »Den Sommer dort arbeiten, wandern und fischen. Und dann mal wieder in die Stadt.«

Tom Sachs
Miffy Fountain, 2008
cast silicon bronze, paint and water; edition 3/5
125 x 102 x 102 inches (317,5 x 259 x 259 cm)
overall
Courtesy Sperone Westwater, New York, © St. Moritz Art Masters 2012

In jedem Ort finden Aufwertungsdiskurse über Stadträume statt, oftmals im Spannungsfeld von vorhergehender Desinvestition und einsetzenden soziostrukturellen Verdrängungsprozessen. Es ist die Kreativwirtschaft, die sowohl im Rahmen von Gentrifizierungsprozessen als auch für den Umbau zur kreativen Stadt die Hauptrolle besetzt. »Orte im Umbruch ziehen kreative Geister an.«, so Andrea von Goetz. Wenn Kunst sich als Teil des Standortmarketings versteht, besteht aber immer auch die Gefahr, dass sie sich aufgibt, dass für Profit und Imagegewinn die künstlerische Arbeit instrumentalisiert wird. Oder sie wird von der Bevölkerung als störend, provozierend, zu subtil oder zu wenig spektakulär verstanden. Schlimmstenfalls wird dem Publikum eine nicht zu bewältigende Kunstolympiade zugemutet, dort, wo der Betrachter zu viel Zeit mit dem Suchen der Exponate vergeudet.

Man kann es vorwegnehmen: Gegen all diese Kritikpunkte sind auch die »Art Masters« in St. Moritz und das Kunstfestival in Bad Gastein nicht gefeit. Diese Probleme gehören zu Ausstellungen im öffentlichen Raum wie die institutionelle Komponente zu Museumsschauen. Auf der anderen Seite haben die politisch Verantwortlichen längst erkannt, dass Kunst im öffentlichen Raum im positiven Sinne zur urbanen Profilbildung beitragen kann. Der ehemals weiche Standortfaktor Kunst scheint mehr und mehr durchzuhärten. Die Kunstfestivals von St. Moritz und Bad Gastein sind zwei der großen Ereignisse zeitgenössischer Kunst und zwei der innovativen Kulturprojekte, die eine Kulturszene lebendiger und internationaler werden lassen.

Kunstevents in dieser Größenordnung sollten dennoch nur durch ein Ziel realisiert werden: um der Kunst willen zu bestehen. Nur dann kann Kunst dazu dienen, Orte zu definieren, ihnen eine kulturelle Identität zu verleihen oder zu akzentuieren. Der Wandel vom Nobelörtchen für betagte Touristen zu einer ernst zu nehmenden zeitgenössischen Kunstmeile wie er in St. Moritz stattgefunden hat, ist jedenfalls eine Glanzleistung.

Kerim Seiler, Work in Progress
„Relay (Situationist
Space Program) Maboneng“ Johannesburg 2011, © St. Moritz Art Masters 2012

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