Elie Saab: Der Imperator

Haute Couture als politischer Wirtschaftsmotor: Das Imperium des libanesischen Designers Elie Saab ist nicht nur imageträchtig für den Nahen Osten, sondern zugleich Beweis dafür, dass Beirut als pulsierende Modeindustrie in voller Blüte steht. QVEST hat den Designer zum persönlichen Gespräch getroffen.

Das komplette Feature ist in unserer neuen Ausgabe zu lesen, die ab dem 22. August im Handel erhältlich ist. Einen exklusiven Vorgeschmack finden Sie hier …

Wirtschaftsexperten prognostizieren es schon lange: Schwellenländer wie Brasilien, Indien, Südafrika, China, Russland und allen voran die Vereinigten Arabischen Emirate werden in den Folgejahren eine Vormachtstellung in der Wirtschaft einnehmen und sich zu globalen Kernabsatzmärkten für Luxusgüter manifestieren. Laut einer jüngsten Umfrage der »French Fashion University Esmod« in Dubai wurde die Bekleidungsindustrie der arabischen Golfstaaten mit 10 Milliarden Euro Umsatz geschätzt; ein Wachstum von satten 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr, begünstigt vor allem durch die dort populäre »Shoppingmall-Kultur«. Dabei ist die Mode des Nahen Ostens selbst schon lange kein Geheimtipp mehr: Libanesische Designer wie Georges Chakra, Basil Soda oder Zuhair Murad drängen ehrgeizig auf die westlichen Laufstege und überzeugen ein Weltpublikum von ihrem Talent. Unerreicht bleibt jedoch Libanons ganzer Stolz in Sachen Mode: der aus Beirut stammende Designer Elie Saab. Ein neues Ranking katapultierte den Superstar auf 28. Platz der arabischen »Business Power List«; ein zusätzlicher 5. Platz in der Liste der am meisten bekannten Arabern weltweit!
Die Erfolgsgeschichte des 1964 geborenen Libanesen begann, als er mit gerade mal 9 Jahren anfing, aus alten Gardinen und Tischdecken raffiniert konstruierte Kleider für seine Schwestern zu schneidern. Ein derartig außergewöhnliches Talent sprach sich blitzschnell in der Nachbarschaft herum und so konnte er bereits als Teenager eine loyale Klientel zu seinen Fans und Kunden zählen. Seine Berufung trieb ihn weiter an: Nach einem abgebrochenen Modestudium in Paris, welches ihn – als Autodiktat der hohen Kunst der Haute Couture nicht kreativ forderte – eröffnete er 1982, im zarten Alter von 18 Jahren, ein Atelier in Beirut. Inklusive 15 Mitarbeitern auf der monatlichen Gehaltsliste. Die Marke Elie Saab avancierte zum internationalen Phänomen: Die »Camera Nazionale della Moda« war sichtlich beeindruckt von seiner ultrafemininen Designhandschrift und bat ihn 1997 um die offizielle Teilnahme im Rahmen der italienischen Couture-Schauen in Rom – wohlgemerkt als einziges nicht-italienisches Label. Nach dem Launch seiner Ready-to-Wear-Linie in Mailand ein Jahr später, wurde Elie Saab ab 2000 in Paris auf europäischem Terrain sesshaft und blieb seiner Heimat Beirut dennoch treu. Als dann 2002 Halle Berry triumphierend ihren Oscar in einem Kleid von Elie Saab entgegennahm, kannte am nächsten Tag alle Welt den Namen eines Mannes, der die opulente Kleiderkunst seines Landes zeitgenössisch interpretiert und sie gleichzeitig in allen Ehren verteidigt.

QVEST: Herr Saab, die Weltwirtschaft befindet sich in der Rezession, aber das Interesse an Haute Couture zeigt keinerlei Einbrüche. Im Gegenteil, die großen Couturehäuser verzeichnen sogar wachsende Gewinne. Wie erklären Sie sich diese Faszination in wirtschaftlich prekären Zeiten?

Elie Saab: Die Haute Couture ist seit jeher eine Anpassungskünstlerin, sie kann sich einstellen auf neue Kunden, neue Länder, veränderte Bedürfnisse. Ich halte nichts vom vorherrschenden Pessimismus, dass die Tage der hohen Schneiderkunst gezählt sind. Haute Couture wird es immer geben, davon bin ich überzeugt, nur, dass sie heute nicht mehr so aussehen kann wie früher. Schließlich ist ja auch der Lebensstil der Frauen weltweit im Wandel begriffen. Ich bin für eine Haute Couture auf der Höhe der Zeit, sie muss der Frau von heute entsprechen und ihre kontemporären Bedürfnisse erfüllen.

Wie definieren Sie persönlich Haute Couture?

Jedenfalls nicht primär an teuren Kleidern oder schicken Kostümen. Was vielmehr zählt, ist Exklusivität und Unverwechselbarkeit. Am meisten Nachfrage besteht natürlich nach einem außergewöhnlichen Abendkleid, das einer Frau auf den Leib zugeschnitten ist. Wenn ich für meine Kundinnen einen Entwurf anfertige, dann bemühe ich mich stets sie in ihrer ganz individuellen Ausstrahlung optimal zur Geltung zu bringen. Die Länge des Kleides, die Menge an verarbeiteten Pailletten und Verzierungen; das alles mache ich von der Persönlichkeit abhängig, die ich vor mir habe. Im Wesentlichen besteht Haute Couture aber natürlich darin, dass eine Frau sich jedes erdenkliche Traumkleid mit jeder erdenklichen Silhouette schneidern lassen kann. Die Möglichkeiten dafür sind im Prinzip unbegrenzt, das gilt für meine Entwürfe, aber auch für das, was die Ateliers umsetzen können.

Worin unterscheiden sich Ihrer Einschätzung nach Haute Couture und Prêt-à-Porter am stärksten?

Haute Couture und Ready-to-Wear haben natürlich dieselbe Essenz einer Marke; sie gehören jedoch zwei ganz unterschiedlichen Abteilungen an, fast schon Fachgebieten an. In der Haute Couture geht es um unverwechselbare Einzelstücke, die komplett in Handarbeit hergestellt sind. Die Prêt-à-porter-Kollektionen hingegen sehen überall auf der Welt gleich aus. Es sind alltagstaugliche Kleidungsstücke von uniformem Zuschnitt. Man könnte sagen, das eine Prinzip lautet Käuflichkeit, das andere Exklusivität auf allerhöchstem Niveau.

 

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