Auf Heimatreise

Es ist mittlerweile fast acht Jahre her, dass der gebürtige Offenburger Stefan Strumbel sich seinem Unwillen und somit dem Gesetz beugte: Er kehrte Graffiti den Rücken, er machte Schluss mit Schriftzügen auf Wänden und öffentlichen Transportmitteln und wandte sich der legalen Kunst zu. Er nahm Auftragsarbeiten an und begann frei zu arbeiten. Und ganz plötzlich war er gelandet mitten in der Kunstwelt; so nnvermittelt und leuchtend wie sonst vielleicht Popstars am Musikhimmel erscheinen. Die Re-Interpretation der traditionsreichen, aber ziemlich verstaubten Kuckucksuhr war sein Durchbruch: Mit dem Thema Heimat macht er nun Karriere. Dabei ist ihm sein erster Käufer, ein Tierarzt, der seinen Hund behandelte, noch ebenso gut im Gedächtnis wie sein Ritterschlag 2008, als der “Stern” ein Selbstporträt von Karl Lagerfeld veröffentlichte, das den Modeschöpfer mit einer von Strumbels Kuckucksuhren zeigte.

Heute ist Stefan Strumbel 33 Jahre alt. Und er redet nicht nur so schnell wie Lagerfeld, sondern verspricht ähnlich kreativen Output. Wir trafen Strumbel in Karlsruhe während der Vorbereitungen für seine Präsentationen anlässlich des 900. Jubiläums des Hauses von Baden: einer riesigen Kuckucksuhren-Installation vorm Schloss, dazu eine Museums- und eine Galerieschau.

2011 hast du die Kirche der badischen Stadt Kehl-Goldscheuer umgestaltet. In Holy Heimat, der Ausstellung, die das Karlsruher Museum beim Markt noch bis Ende November 2012 zeigt, steht das Thema Kirche erneut im Vordergrund. Was bedeutet dir die Kirche?

SS: Ehrlich gesagt habe ich weder Interesse an der Kirche noch am jeweiligen Glauben, den sie vertritt. Mich fasziniert die Macht, die ein Kirchenschiff transportiert. Und egal, ob es der Kölner Dom oder eine kleinere ist, es ist meiner Ansicht nach die Kunst darin, die diese Macht auslöst. Und genau diese Macht versuche ich auch in meinen Arbeiten zu vermitteln, und zwar mit dem Thema Heimat. Ich habe zwar eine Kirche umgestaltet und jetzt auch rekonstruiert, aber eben nicht, um die Kirche an sich zu thematisieren, sondern eben das Thema Heimat. Jeder kann hierher kommen, sich wohlfühlen und das Gefühl von Heimat, Liebe, Geborgenheit und Glück erleben. Die Kirchenbänke beispielsweise stehen schräg, weil Gefühle immer auf und ab gehen, sei es wegen persönlichen Problemen oder äußeren Einflüssen.

Du bist für deine extrem bunten und verzierten Kuckucksuhren bekannt. In Holy Heimat zeigst du eine, die du ‘Koonversativ’ nennst und eine Hommage an Jeff Koons ist; seine poppigen Arbeiten scheinen dich zu inspirieren.

SS: Ich mag seine Arbeiten sehr. Ich würde aber nicht sagen, dass er meine Inspirationsquelle ist. Es sind eher seine Herangehensweisen, wie er Materialien benutzt, und seine Arbeitsprozesse, die mich faszinieren.

Alles sieht so leicht aus.

SS: Ja, es ist unglaublich, wie geschickt er profane Gegenstände zu etwas qualitativ Hochwertigem, zu Kunst, verwandelt.

Das ist definitiv eine Gemeinsamkeit von euch beiden.

SS: Ja, ich lasse mich tatsächlich von dem inspirieren, was unmittelbar mit mir zutun hat oder um mich herum passiert. Eine Tür hier im Museum hat mich beispielsweise an den Eingang in einen Kreißsaal erinnert. Daraufhin habe ich für den Platz darüber eine Neon-Arbeit entworfen, die eine Modifikation meiner typischen Sprechblase ist: lauter Spermien schwimmen auf sie zu und symbolisieren den Ursprung des Heimat-Gefühls.

Was ist Heimat für dich persönlich?

SS: Ein Gefühl von Freude, Geborgenheit und Glück.

Das an einen bestimmten Orte gebunden ist?

SS: Nein, dieses Gefühl kann ich überall erleben. Egal, wo ich mich aufhalte. Heimat hat etwas mit Mutterliebe zutun. Das ist ein Grund dafür, dass ich mich in meinen Arbeiten immer wieder mit Madonnen auseinandersetze. Ich bin mir sicher, dass man nie wieder eine vergleichbare Liebe wie die erste der Mutter erlebt. Und ich denke, das ist der Grund, warum viele Menschen die Heimat mit ihrem Geburtsort gleichsetzen. Selbst wenn es nicht der Ort ist an dem man sich wohl fühlt. Wie viele fliehen schließlich auch vor ihrer Heimat? Das kann man auch im Schwarzwald beobachten. Vielen ist es hier zu idyllisch, zu provinziell, und sie wollen nach Berlin.

Aber du stehst zu deiner geografischen Heimat?

SS: Ja, aber ich kann den Gedanken, von der Provinz in die Großstadt ziehen zu wollen, verstehen. Ich habe den Vorteil, durch meinen Beruf beides genießen zu können: ich reise viel und schätze es, immer wieder hier anzukommen. Aber ja, ich brauche auch beides. Meine Inspiration ziehe ich aus beidem: aus dem urbanen Kontext – der Großstadt – und der Provinz, wo Themen wie Tradition und Werte groß geschrieben werden und somit auch das Thema Heimat.

Bist du inmitten von kleinen Figürchen und Trachtenmode aufgewachsen?

SS: Nein, gar nicht. Ich würde sogar eher sagen, puristisch. Mein Vater ist Slowene, ist selbst nicht damit aufgewachsen, weswegen das bei uns zuhause auch nie Thema war.

Wie sieht es denn bei dir zuhause aus? Gehören Kuckucksuhren, Bollenhut und ausgestopfte Tiere mit zu deinem Interieur?

SS: Eher nicht. Aber die Kunst dafür umso mehr.

Du sammelst also. Zeitgenössisches?

SS: Ja , wobei sich meine Käufe über deutsche Künstler wie Jonathan Meese über Barry McGee bis hin zu Klassikern wie Shepard Fairey erstrecken. Aber noch mal zurück zu dem, wie ich lebe: Ich errichte mir gerade ein eigenes Kunsthaus, ein Strumbel-Haus sozusagen, und es ist tatsächlich ein typisches Haus der Schwarzwald-Region, das wir modernisieren, um Wohnung und Studio zusammen zu legen.

Erinnerst du dich daran, wie du das erste Mal mit Kunst in Berührung gekommen bist?

SS: Mein Onkel war Künstler. Er hat schon zu Kriegszeiten Donald-Duck-Figuren und ironische Selbstporträts gezeichnet. Er hat also auch mit Brüchen gearbeitet und mich definitiv inspiriert.

Und dazu bewegt, selbst aktiv zu sein?

SS: Genau. Ich habe allerdings mit Graffiti angefangen und musste mich irgendwann der üblichen Problematik eines Sprühers stellen, der illegal aktiv ist. Ich hatte Probleme mit der Justiz, und so fing es an, dass ich meine illegale Arbeit legalisierte und Aufträge annahm. Aber irgendwann wollte ich nicht mehr die Gedanken der anderen umsetzen, sondern genau das, was ich fühle. Und so ging es in die freischaffende Kunst.

Erinnerst du dich an deine erste freie Arbeit?

SS: Ja, ich habe Kühe gemalt, die inmitten einer Schwarzwald-Landschaft standen. Ich habe also schon immer Heimat-bezogenes thematisiert.

Das Thema war also selbst vor Jahren kein Tabu für dich?

SS: Ganz im Gegenteil. Aber ja, vor fünf oder sechs Jahren wurde ich oft komisch angeschaut. Die Globalisierung war das Thema.

Stimmt. Mittlerweile scheint es jedoch, als würden Internet, Facebook, Xing, ständiger Erreichbarkeit überdrüssig werden.

SS: Ja, wir sind wieder auf der Suche nach Wertigkeit. Deswegen stelle ich die Heimat gerne als stärkste Droge der Welt da. Egal wer und wo: jeder strebt tagtäglich nach ihr.

Betrifft das deiner Meinung nach vor allem die jüngere Generation oder alle?

SS: Jeden Menschen. Es gibt zwar keine Übersetzung des Begriffs Heimat ins Englische, aber ich bekomme tatsächlich E-Mails von überall, in denen Leute sich dafür bedanken, dass sie das Wort kennenlernen und sich somit mit dem Thema beschäftigen durften. Das Gefühl kannten sie natürlich schon, aber es war noch nicht in Worte gefasst.

Zurück zu deinem ersten Werk. War es realistisch?

SS: Ja, realistisch mit Comic-Einflüssen, Altes mit Modernem. Ich habe damals schon Neon-Farben benutzt. Ich meine sowieso, dass die bekannten Dinge lediglich mehr Lautstärke brauchen, um aus ihnen etwas Neues entstehen zu lassen oder um etwas Neues von ihnen zu erfahren. Deswegen finde ich es spannend, mit so traditionellen Dingen wie einer Kuckucksuhr, einem Schloss oder einer Kirche zu arbeiten – das sind alles Dinge, die wir kennen, die eine gewisse Macht innehaben, aber wir schauen vorbei, eben weil wir sie kennen. Und genau das versuche ich durch Farbe zu bekämpfen. Oder eben durch Neonröhren.

Neon ist ein Stilmittel, das sich mittlerweile immer häufiger in deinen Arbeiten wiederfindet.

SS: Ganz genau. Neonlicht verbinde ich mit dem New Yorker Times Square und den USA im Allgemeinen. Mich faszinieren die Staaten zwar, aber ich verbinde mit ihnen auch eine gewisse Oberflächlichkeit, bei der es ständig darum geht, den Schein wahren zu müssen. Und genau das symbolisiert, dass man sich Heimat für kein Geld der Welt kaufen kann. Auch ein Werk von mir ist kein Stück Heimat. Es ist lediglich ein Transportmittel, das dich auf deine Heimreise schickt.

Du bist längst angekommen. Was bedeutet das für deine Kunst, wie geht es weiter?

SS: Für mich ist das Thema noch lange nicht ausgeschöpft. Wenn ich ein Werk kreieren könnte, in dem ich Heimat komplett fühlen kann, dann wäre es das letzte.

Das Interview ist in Kooperation mit WERTICAL.COM entstanden. Die englische Fassung des Interviews könnt ihr hier lesen. Wir bedanken uns für die nette Zusammenarbeit!

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