Villeroy & Boch: Second Glance

Das Traditionsunternehmen Villeroy & Boch und Typografiekünstler Ebon Heath beweisen sich in einer Kunstkooperation mit ungewöhnlichem Verlauf. Grund genug einen detaillierten Einblick in das Kunstengagement des Hauses zu gewähren.

Nahezu jedes global agierende Label beschäftigt sich früher oder später mit dem Gedanken einer Kunstkooperation. Oftmals einem reinen Imagegrund geschuldet, sind derartige Interaktionen in der jüngsten Vergangenheit zum gängigen Repertoire der Industrie geworden. Seien es Massenmarktketten, Beautykonzerne, Interiormarken oder prestigeträchtige Luxuslabels – sie alle schmücken sich mit aufstrebenden Künstlern und renommierten Größen der Kunstszene. Anselm Reyle, Stephen Sprouse, Carsten Nicolai, Takashi Murakami, KAWS, Richard Prince oder Jonathan Meese sind nur wenige Beispiele einer scheinbar endlos langen Liste. Dabei variiert der Benefit für die einzelnen Künstler erheblich voneinander; einige geben sich aufgrund der boomenden Kunstszene äußerst geschäftstüchtig. Andere hingegen suchen explizit die Unterstützung bei großen Marken, vor allem jene, die sich außerhalb der gängigen Kunstformen bewegen und damit mehr oder minder einem Mäzen frönen.

Aber es existieren auch Künstlerseelen, die sich durch unerforschte Handwerkstechniken herausgefordert fühlen. Kreative Menschen, die den Kunstgedanken zeitgeistlich in den Unternehmenskulturen glaubhaft interpretieren wollen. Im besten Falle wie in der jüngsten Kooperation des Keramikherstellers Villeroy & Boch.
Das Unternehmen beauftragte den amerikanischen Typografiekünstler Ebon Heath die in der Unternehmensphilosophie tief verwurzelte Kunsttradition in die Jetztzeit zu transferieren. In enger Zusammenarbeit mit dem Künstler wollte man den Entstehungsprozess, die Fertigungsverfahren und die Formsprache eines Produktes neu gestalten. Es geht folglich um keinen künstlich aufgebauschten Marketinggag, sondern tatsächlich um eine innovative Produktentwicklung, die durch einen tiefgründigen Dialog zwischen Kunst und Kommerz rührt.

»Einfach ein Logo hübscher machen, das würde meinem Anspruch als Künstler nicht genügen,« beteuert Heath, der in Brooklyn und Berlin lebt. Das manifestiert auch der Titel der Kooperation, die von der Agentur Pch Innovations initiiert wurde: »Second Glance«, also auf den zweiten Blick entpuppt sich die zeitgenössische Typografie auf den 100 limitierten LoopArt-Werken, die Heath als Objekt für seine Vision ausgewählt hat. Dafür hat er Muster kreiert, welche die klassischen, ornamentalen Wurzeln von Villeroy & Boch mit dem Prinzip des Dekonstruktivismus verbinden. Seinen Kreationsprozess beschreibt er als »Purge«: Im Falle von Villeroy & Boch abstrahierte er zunächst verschiedene Bilder historischer Produkte des Hauses, dem Markenlogo sowie einflussreichen Akteuren der Firmengeschichte, um anschließend die diversen Komponenten zu einem visuellen Rhythmus zusammenzuführen. Was beim ersten Anblick nur vermuten lässt, beweist beim »Second Glance« die narrative Intention des Kunstwerkes.

Das Engagement von Ebon Heath, der vor kurzem durch Aufführungen typografischer Ballette großen Zuspruch erfahren konnte, hörte jedoch nicht auf künstlerischer Ebene auf: Zusammen mit den Ingeneuren bei Villeroy & Boch entwickelte er so lange an dem Herstellungsprozess der Keramikstücke bis diese eine neue Relieftechnik für die dreidimensionalen Grafikelemente erfanden. Alexander Nolte von der Agentur Pch Innovations erklärt: »Eine lebendige und gut funktionierende Marke wie Villeroy & Boch braucht die stetige Interaktion mit Kunst und Kultur mit deren Eigensinn, ihrer Subversion und auch ihren kommerziellen Zweifeln. Und sie braucht den Künstler, der in der Lage ist, sich Fragen zu stellen, die sich andere nicht trauen. Genau darin besitzt Villeroy & Boch eine lange Tradition.« Der Künstler selbst fährt weiter fort: »Villeroy & Boch und die Welt der Kunst unterscheiden sich grundsätzlich in ihrer täglichen Vorgehensweise. Sobald sich Wiederholungen im Schaffensprozess einstellen, hinterfragt normalerweise die Kunst diese starren Prozesse und bricht mit bewährten Mustern. Mitarbeiter, die jahrelang dieselben Handgriffe tätigten, befassten sich intensiv mit der Problemlösung und waren plötzlich sehr angetan von der neuen Materialkompetenz.«

Diese Leidenschaft hielt auch weiterhin bei Ebon Heath an. Ungeplant entwarf er einfach weiter und kreierte ein Typografie-Mobile aus 166 Keramikbuchstaben, bestehend aus den sieben Zeilen seines Second Glance-Gedichts. Außerdem zeichnet er für eine Reihe von erlesenen Schmuckstücken verantwortlich. Das Traditionshaus war begeistert und urteilte: »Die physische Manifestierung unserer Markenvision.«

Dabei sind Kooperationen mit Künstlern keine neuzeitliche Erfindung in der Historie von Villeroy & Boch. Im Gegenteil, in ihrer 264-jährigen Geschichte kann die Marke stolz behaupten, dass sie schon früh große Meister der Malerei gefördert hat. Darunter finden sich damals noch unbekannte Künstler wie Matisse, Cézanne und Toulouse-Lautrec, van Gogh und Gaugin. Letztere beiden unterhielten eine enge Freundschaft zu den ebenfalls künstlerisch tätigen Anna und Eugène Boch.
Auch nachfolgende Generationen des florierenden Unternehmens bewiesen ihr Gespür für eine individuelle Ästhetik, so unter anderem Fotografin Monika von Boch, Designerin Helene von Boch oder gegenwärtig Michael von Boch, der nach einer Fotografenausbildung bei Hector Gonzalez und anschließenden internationalen Einzelausstellungen ein großes Renommee als freier Fotograf genießt. Dieses privilegierte Kunstengagement erfreut nicht nur die Familie Boch, sondern auch die eigenen Mitarbeiter. Denn die Familien bringen aktiv Kunst in die Firma mit ein: Ob die Werke der Gallionsfigur der »Jungen Wilden«-Kunstbewegung Stefan Szczesny, die in der öffentlich zugänglichen Hauptverwaltung in Mettlach hängen, die persönlichen Malereien von Anna und Eugène von Boch im hauseigenen Museum oder das Expo-Wahrzeichen von Hannover, das Villeroy & Boch auf dem Gelände der Zentrale ausgestellt hat – all das schafft einen demokratischen Kunstdiskurs in einem globalen Konzern. Da mag einer noch behaupten, dass sich Kunst und Kommerz ausschließen würden.

Nach der erfolgreichen Berlin-Premiere geht die Kunstkooperation auf eine Roadshow in weitere Länder und Metropolen. Eine Online-Auktion ermöglicht es Kunstliebhabern weltweit ein LoopArt-Unikat zu ersteigern.Weitere Einblicke in das Projekt Second GlanceVilleroy-boch.com

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