Dries van Noten: Zurück in die Zukunft

Der Belgier Dries van Noten beherrscht den Spagat zwischen Kunst und Mode wie kein anderer Modeschöpfer der Gegenwart. Sein oberstes Gebot: das Zufallsprinzip. QVEST fragte nach.

Eine exklusive Preview unseres Portraits finden Sie hier. Das gesamte Close Up können Sie in unserer aktuellen Ausgabe (QVEST 50) lesen, die seit heute im Handel ist!

© Lydia Gorges

Bitte klingeln. Wer Einlass in die Boutiquen des Modeschöpfers Dries van Noten haben möchte, muss sich einen kleinen Moment gedulden. Mit diesem Prozedere beabsichtigt das Label jedoch keinesfalls eine Hemmschwelle gegenüber potenziellen Besuchern aufzubauen, sondern möchte in Zeiten der omnipräsenten Verfügbarkeit bewusst für Entschleunigung und Muße werben. Dass sich dieser kleine Augenblick des Innehaltens und Wartens gelohnt hat, offenbart sich beim Betreten der heiligen Hallen auf den ersten Blick: Es herrscht eine intime Wohnzimmeratmosphäre vor, die im Vergleich zu den modernen, wenngleich nivellierten Einkaufstempeln der Konkurrenz paradoxerweise sehr erfrischend wirkt. Und der Mode dabei mit leisen Tönen einen Schritt voraus zu sein scheint; so wie auch die Person Dries van Noten selbst. Der 53-Jährige hat es ohne lautmalerische Selbstinszenierung und dröhnende Marketingmaschinerie geschafft, zu einem der wichtigsten Designer der Jetztzeit zu werden. Das Jahr 2011 markierte dann auch den 25. Geburtstag einer beispiellosen Erfolgsgeschichte.

Ihren Anfang nimmt sie in Belgien, im merkantilen Antwerpen. Der 1958 geborene Designer wächst in einer traditionellen Schneiderfamilie auf: Der Großvater arbeitet als Tourneur – eine längst ausgestorbene Zunft, die alte Anzüge auf links drehte und damit den Männern zu einer »neuen« Sonntagsgarderobe verhalf. Der Vater wiederum besaß eine edle Herrenboutique außerhalb von Antwerpen, die Labels wie Zegna, Pierre Cardin oder Ferragamo führte. Dries, der Jüngste von vier Geschwistern, durfte daher die Eltern schon mit 12 Jahren auf ihren Einkaufsreisen nach Florenz, Paris und Düsseldorf begleiten. »Von Anfang an lernte ich beide Seiten kennen.«, erklärt der Designer, »Das Kreative und das Kommerzielle. Und ich fand sie beide spannend.« Diese prägnante Erfahrung bewog ihn 1976 schließlich zu der Entscheidung, Modedesign an der Königlichen Akademie für Schöne Künste in seiner Heimatstadt zu studieren; entgegen dem sehnlichen Wunsch des Vaters, das elterliche Geschäft zu übernehmen. Der Papa reagierte rigoros und stoppte alle monetären Zuwendungen. Seitdem finanzierte Dries sich komplett selbst.
Nach seinem Abschluss im Jahre 1980 ist er freischaffend für verschiedene Modeunternehmen tätig, bis 1986 die entscheidende Wende anbricht: Zusammen mit fünf weiteren belgischen Kollegen stellt er während der London Fashion Week seine erste Herrenkollektion unter eigenem Namen vor. Weil man die Gruppe um Dirk Bikkembergs, Dirk van Saene, Walter van Beirendonck, Ann Demeulemeester, Marinea Yee und eben Dries van Noten in die hinterste Ecke des gemieteten Showrooms verschanzt, drucken die jungen Kreativen spontan Flugblätter und verteilen sie am Eingang: Seht Euch die sechs Designer aus Antwerpen an! Es war die Geburtsstunde der legendären »Antwerp Six«. Ihre Handschrift: Eine schlichte Ästhetik, unangestrengt elegant, die als Kontrastpol zum aggressiven Power-Look der 80er Jahre fungierte. Und damit eine stilistische Revolution lostrat. In der Modewelt galt von nun Antwerpen, die reiche Handelsstadt voller prächtiger Kirchen und Museen, in denen Rubens und van Dycks neben kostbaren Gobelins und zeitgenössischer Kunst hängen, als neue Avantgardemetropole. Diese ambivalente Seele seiner Heimatstadt, die sich aus Tradition und Vision zusammensetzt, spiegelt sich in der Signatur van Notens eindeutig wider …

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