Wie viel Kunst (Messe) braucht die Welt?
Hat sich Köln als traditioneller Standort für den Kunsthandel wieder durchgesetzt? Will sagen: Waren die »Ausflüge« nach Berlin ein kleines Husten aufgrund von »Hypes«, ausgelöst durch den internationalen Megaevent »Mauerfall« und den teils zweifelhaften Immobilien-Boom?
Es hat immer wieder regionale Zentren für den deutschen Kunsthandel gegeben, Kassel und Karlsruhe hatten auch schon mal wichtige Rollen. Aber Köln war seit 1967, natürlich mit Höhen und Tiefen, immer bedeutend. Und heute zeigt es sich halt wieder unübersehbar: Zwei von drei der erfolgreichsten Kunstmessen in Deutschland finden in Köln statt.
Wie viele Kunstmessen kann ein Land wie Deutschland, oder vielleicht der deutschsprachige Raum, Basel und Wien mal eingeschlossen, überhaupt vertragen?
Ich glaube, dass der Kunstmarkt, insbesondere im Hinblick auf »Kunst auf Kunstmessen kaufen«, fast noch in den Kinderschuhen steckt. Kunst ist in den letzten Jahren so populär geworden, dass jetzt erst viele in die finanzielle Lage kommen, sich ein Original leisten zu können. Der Markt kann also noch viele Messen vertragen.
Man könnte also sagen, während dem extremen Wachstum der Preisblase bis zum Ende der 90er und dem Kater danach, ist in den letzten zwanzig Jahren parallel eine neue Sammlergeneration »erwachsen geworden«? Eine, die vor allem in Zukunft intellektuell und eben nun auch finanziell konditioniert sein wird, Kaufen und Besitzen von Kunst als Ausdrucksform zu wählen …?
Ja, es werden immer mehr Menschen ins Sammlermetier einsteigen. Kunst wurde früher von einigen wenigen Personen gekauft, heute sind es viele – und das wird noch weiter zunehmen. Neben der persönlichen Identifikation mit Künstler, Werk oder Galerie – was ja auch nicht selten vorkommt – ist hier auch das Verständnis für den persönlich gesteuerten Beitrag zur Kulturförderung ein gesellschaftspolitisch nicht unbedeutender Antrieb.
Gibt es in Bezug auf die Verteilung der Herkunftsländer der teilnehmenden Galerien nennenswerte Entwicklungen oder neue Tendenzen, oder ist alles wie bisher verteilt?
In unserer Entwicklung war es so, dass wir viel mehr ausländische Galerien hätten bekommen können und in manchen Jahren auch einen relativ hohen Anteil hatten. Derzeit liegen wir bei ca. 30%, aber haben die Akquisition ausländischer Aussteller bewusst zurück gefahren, weil wir festgestellt haben, dass viele Besucher doch eher von Galerien angezogen werden, die in Deutschland ansässig sind. Vielleicht, weil sie zu denen oder deren Künstlern aufgrund von Ausstellungsbesuchen oder Medienberichterstattungen eine größere Nähe haben.
Es kommen also ca. 70% der Aussteller aus dem deutschsprachigen Raum?
Die meisten Galerien kommen tatsächlich aus Deutschland. Beim Anteil der Aussteller aus dem Ausland haben wir einen Schwerpunkt auf Korea – von dort kommen 13 Galerien.
Internationaler wird es bei Euch, seit Ihr, ergänzend zur Art Fair, im letzen Jahr Euren eigenen Satelliten geschaffen habt: Blooom. Was genau verbirgt sich dahinter?
Die Idee dazu wurde bereits vor vier Jahren geboren. Uns ging es darum, ein Forum für die Kreativwirtschaft zu schaffen, in dem bildende Kunst in Dialog mit Design, Musik, Mode, Games, Literatur, Architektur und Medien tritt. Wir haben festgestellt, dass Künstler nicht nur den Kunstakademien entspringen, sondern aus vielfältigen Sparten kommen. Viele Anfragen, die uns über Art Fair erreichten, haben uns darin bestärkt, diesen verwandten Gattungen eine Heimat zu geben, die in ihrer Organisation und Ausstattung ebenso hochwertig ist wie die Art Fair.
Ist das für junge Künstler finanzierbar?
Zum einen sind viele, die ihrem künstlerischen Ausdruck ein Forum bieten wollen, schon gut im Geschäft – die Bandbreite ist hier riesengroß und reicht vom Grafik Designer, Programmierer über Musiker bis hin zum Floristen. Und die können eben hier, über ihr daily business hinaus, ihre eigenen, freien Arbeiten präsentieren. Zum anderen bieten wir günstige Einstiegspreise, die teils von uns, teils von der Warsteiner Brauerei, dem Sponsor des »Blooom Awards by Warsteiner«, ermöglicht werden.
Wie wurde dieses Konzept angenommen?
Das Konzept ist weltweit bisher einzigartig und tatsächlich eingeschlagen wie eine Bombe. So als hätten wir ein Druckventil geöffnet. Die Standflächen waren direkt im ersten Jahr komplett ausgebucht, in diesem Jahr mit 52 internationalen Teilnehmern ebenso. Auch unser Hauptsponsor Warsteiner ist wieder dabei und im Übrigen ein perfektes Beispiel für den sich vollziehenden Generationswechsel, wie ich ihn eben in Bezug auf die Art Fair erklärt habe. Bei Warsteiner in Gestalt der jungen Geschäftsführerin Catharina Cramer, die der Familientradition gefolgt ist. Es wäre noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen, dass sich eine deutsche Bierbrauer-Dynastie einem so neuen und jungfräulichen Konzept wie dem unseren so vorbehaltlos und engagiert öffnet.
BL OOOM ist also als Spiegel der »Kreativwirtschaft« zu verstehen?
Nun ja, »Kreativwirtschaft« – vom Stadtökonom Richard Florida geprägt – ist da eher ein fast zu abstrakter Begriff. Letztendlich ist es eher ein Spiegel der Gesellschaft und ebenso der Wirtschaft. Wir haben gelernt, »Wir sind ganz viele« – durchschnittlich hat ein Kreativ-Unternehmen aber nur rund fünfzehn Mitarbeiter. Dennoch ist insgesamt die Wirtschaftsleistung dieser Mega-Sparte fast größer als die der Automobilindustrie.
Das bedeutet dann, dass hier auch ein politisches Signal gesetzt wird, indem man den in dieser Branche oftmals vertretenen Einzelkämpfern ein organisiertes Gesicht geben will? Kreativen, die bisher wenig Lobby hatten, weil sie zunächst auch erstmal mit sich selbst, also der eigenen Arbeitsorganisation, beschäftigt sind? Sich aber auch insgesamt ungern in Prozesse einbinden lassen und lieber Individualität ausleben wollen, was ja mithin oft als kontraproduktiv betrachtet wird?
Exakt, wobei der Lobby-Gedanke nicht der erste Impuls war, sondern vielmehr der Stolz auf die eigene Arbeit, auf die eigene »Kreative Klasse« – eine Dokumentation der Zugehörigkeit. Es geht um das Bewusstsein im Verhältnis zur Weltwirtschaft spürbare Stimulanzien zu geben. Asien ist die Werkbank, aber die Ideen passieren hier, in den urbanen Schmelztiegeln Europas. Das ist der relevante Moment – »Wir« treiben die Wirtschaft wirklich an. Was auch in der Politik immer deutlicher wahrgenommen wird …
Man könnte also sagen, dass Kreative immer »wertvoller« werden. Kann man hier von einer »Wende«, einem Paradigmenwechsel sprechen?
Gerade durch die Demokratisierung der Produktionsmittel – Du mit Deinem Mac – kannst Du ja alles machen; außer eine Nähnadel führen. Aber dafür gibt es demnächst vielleicht auch noch eine App (lacht). Man kann mit Ideen und den direkt zur Verfügung stehenden Umsetzungsmöglichkeiten ganze Welten bewegen. Eine Entwicklung, die (noch) keine Grenzen kennt.
Ist Blooom ein Modell, das gerade für Deutschland exemplarisch ist? Haben wir hier eine Keimzelle, die das Thema Kreativwirtschaft nach vorne treibt, Strömungen provoziert und sich liberal organisieren lässt?
Das Modell, die Strömung, das Zeitzeichen ist wirklich weltweit spürbar. Es ist vielleicht typisch deutsch das ganze in Begriffe zu fassen und zu kategorisieren; was aber am Ende sehr gut ist, weil es damit vielen Menschen das Gefühl gibt, es greifen und verstehen zu können. Denn oft fehlt das Verständnis für das, was es wirklich ist und Deutschland oder, um damit auch wieder die Brücke zu schlagen, das Rheinland ist dafür auch ein idealer Nährboden. Sicherlich mag es andernorts konzentriert mehr Kreative geben, aber hier ist zusätzlich ein starker Markt, um die Produkte abzufragen. Deshalb freuen wir uns über viele Teilnehmer aus Berlin, London, Paris, ebenso wie aus New York sowie den asiatischen Metropolen.
Weiterhin viel Erfolg und danke für den Ausblick.
Die ART FAIR | Messe für moderne und aktuelle Kunst findet vom 29.10.-1.11.2011 im Staatenhaus am Rheinpark in Köln statt (Vernissage am 28.10.2011). BLOOOM. The creative industries art show. ist als erste interdisziplinäre Messe für Kunstschaffende aus der Kreativwirtschaft zeitlich und räumlich in die ART FAIR eingebunden.
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