Wie viel Kunst (Messe) braucht die Welt?
Kunstmessen boomen. Doch wie viel ist zu viel? Und wo geht der Trend hin? QVEST sprach mit dem Gründer und Direktor der ART FAIR , Andreas Lohaus, über Entwicklungen, Krisen und neue Impulse.

QVEST: Seit 2003 gibt es in Köln, mit der Eröffnung des ersten »Kunstmarkt« 1967, mithin die »Wiege der Kunstmessen«, eine weitere Messe. Die Art Fair wurde zunächst, wie alles Neue, kritisch beäugt und feiert heute, erfolgreich etabliert, ihr fast zehnjähriges Jubiläum. Städte wie Frankfurt oder jüngst sogar Berlin haben hier Probleme. Was war die ursprüngliche Motivation, und wie hat sich die Idee bis zur heutigen Reife entwickelt?
Andreas Lohaus : Ein Vorbild für unsere Überlegungen war die »Liste«. Eine Messe, welche die Art Basel begleitet und damit die vielleicht erste Satellitenmesse der Kunstwelt war, was sich bis heute natürlich extrem geändert hat; betrachtet man die Art Basel Miami, die gefühlt von bis zu 25 Kunstmessen oder ähnlich anmutenden Veranstaltungen begleitet wird. Zwischen der Erstausgabe und der jetzigen Art Fair ist allerdings auch schon einige Zeit vergangen – wir machen das jetzt im neunten Jahr – und da ist die Art Fair gereift und zu einer erwachsenen und selbstständigen Kunstmesse geworden. Auch das mit dem Status als Nebenmesse hat sich geändert. Seit dem Terminwechsel der Art Cologne ins Frühjahr, eröffnen wir erfolgreich als Hauptveranstaltung den Kölner Kunstherbst.
Das heißt, die Art Fair hat sich nie als echte Konkurrenzveranstaltung zur Art Cologne gesehen?
Es ging immer um eine sinnvolle Ergänzung. Zum Start war der programmatische Marketingaufhänger »Kunst bis 5.000 Euro«. Wir selbst kommen ja gar nicht aus dem Kunstkontext, Walther Gehlen als Volkswirt und ich selbst als Jurist hatten das Gefühl, dass die Kunst für viele Menschen zu sehr vom sprichwörtlichen Elfenbeinturm aus wahrgenommen wird. Die Idee war, die Kunst jenen Menschen näher zu bringen, die teilweise Berührungsängste zu Galerien haben oder sich scheuen eine Messe zu besuchen. Dementsprechend locker und insgesamt »casual« war unser Konzept anfangs aufgebaut.
Man kann also sagen: Ihr habt damals eine Einsteigermesse gegründet, die klassische Hemmschwellen abbaut?
Exakt. Und durch die anfängliche Preisregulierung war dann auch immanent, dass die Kunst von vornehmlich jungen Künstlern kommt. Aber ich glaube, schon ab dem zweiten Jahr war diese Regelung obsolet, weil wir gemerkt haben, dass andere Galerien zu uns wollen. Zudem kamen immer mehr Besucher, die bereit waren, mehr als 5.000 Euro für Kunst auszugeben; also haben wir die Preisbindung aufgehoben.
Mit wie vielen Ausstellern habt Ihr begonnen und wo steht Ihr heute?
Über die Jahre sind gar nicht mehr so viele dazugekommen; was sich primär geändert hat, sind die Flächengrößen, die gebucht werden. Galerien, die mit 30-40qm begonnen haben, buchen heute teilweise bis zu 150qm – was bedeutet, dass die Umsätze stimmen. Der jugendliche Flair der Messe hat nicht nur bei jungen Kunstinteressierten Anklang gefunden – er spricht auch ältere, etablierte Sammler an, weshalb wir uns entschieden haben, neben junger, zeitgenössischer Kunst nun auch in einer weiteren Halle Moderne Kunst zu zeigen. Man wird bei uns in Zukunft also genauso einen Gerhard Richter sehen wie auch einen jungen Street-Artist, der seine Arbeit für 100 Euro anbietet.
Und warum Köln? Es gab ja am Anfang der ersten Dekade den starken Drang, fast Zwang, in Deutschland alles was »neu« sein sollte, irgendwie in Berlin anzusiedeln – war das kein Thema?
Nein, das war eher Zufall; weil wir nun mal in Köln wohnten, hier unseren Lebensmittelpunkt hatten und nicht in Berlin. Aber wir sind mit Köln als Standort sehr zufrieden – oder besser gesagt: mit dem Rheinland, was ja Neuem gegenüber immer sehr aufgeschlossen ist. Zudem gibt es Menschen, die davon überzeugt sind, dass im Rheinland mehr Sammler leben als in London. Es ist auch kein Geheimnis, dass hier eine gewachsene Sammlerkultur herrscht und seit Jahrhunderten gepflegt wird. Da kauft sich der erfolgreiche Zahnarzt oder Handwerker lieber Kunst als noch ein Auto oder noch eine Uhr. Das lässt uns hier wachsen.
Noch einmal kurz zu Berlin: Wie beurteilt Ihr das Schicksal, welches das Art Forum Berlin jüngst ereilt hat?
Weder mit Häme, noch mit Trauer. Das ist im Grunde ein von jenen Galeristen, die jetzt ein neues Modell ausprobieren wollen, selbst verursachtes Problem gewesen. Ob dieses neue Modell Bestand hat oder nicht, wird sich zeigen. Aktuell ist es natürlich ein Verlust für Berlin, aber eben ein hausgemachter. Und es mindert in naher Zukunft wahrscheinlich die Chance, dass dort noch einmal eine Kunstmesse mit internationalem Zuspruch stattfinden wird.
Ist es nicht vielleicht auch eine Reaktion des Marktes?
Wahrscheinlich auch das. Die Käuferszene ist insgesamt, bis auf einige schillernde Ausnahmen, in Berlin sicherlich noch nicht so weit. Das mag in zwanzig Jahren vielleicht anders sein, aber de facto sind in Berlin aktuell weder das Geld noch die Sammlertradition. Vermutlich auch deshalb, weil hier nicht die über Jahrzehnte gewachsene Industrie vorzufinden ist, wie wir sie hier im Rheinland haben.
Seiten: 1 2