YACHT: Jahrmarkt der Seltsamkeiten

Dass Popmusik sich heute meist mit Verweisen auf die Vergangenheit schmückt, hilft ihr beim Erlangen von Identität. Dass es aber zum Glück immer noch Acts gibt, die ihr eigenes, auf nichts zurückgehendes Referenz- Modell erschaffen, erhebt den Pop zur Kultur. So wie das etwa Jona Bechtolt und Claire L. Evans tun: Zwei seltsame Menschen aus Portland/Oregon in einer seltsamen Band namens YACHT – der jedenfalls mit Abstand seltsamsten Band auf James Murphys und Tim Goldsworthys hippen Dfa-Label. Laut striktem Styleguide wird YACHT, ein Acronym für »Young Americans Challenging High Technology«, nur in Versalien geschrieben und entgegen aller Erwartungen weder »Jakt« noch »Jäkt«, sondern »Jaat« ausgesprochen. YACHT ist nicht nur eine Band; so erfährt man aus den prätentiös durchformulierten Presseunterlagen, es handele sich auch um ein Business und ein Glaubens-System. Kein Wunder, dass das Duo die bandeigene Philosophie gleich mitliefert: Auf teamyacht.com sowie in dem von Evans und Bechtolt verfassten Buch »The Secret Teachings of the Mystery Lights« finden sich ausgiebige Informationen über den Zusammenhang zwischen Kunst und Spiritualität.
Zum Glück verarbeiten YACHT ihre eigenwillige Philosophie nicht zu Teestuben-Gedudel, sondern zu gleichermaßen zeitgemäßer wie befremdender Popmusik. Und um es sich auf ihrem Jahrmarkt der Seltsamkeiten nicht allzu hübsch einzurichten, hat das Duo dieses Konzept auf dem mittlerweile fünften Album (die ersten drei produzierte Bechtolt im Alleingang) verdichtet: »Shangri-La« ist trotz aller Verrücktheiten YACHTs zugänglichstes Werk. Es Elektropop zu nennen, täte ihm dennoch Unrecht, denn mit Chart-Sound im Stile einer La Roux hat das ideologische Konstrukt von YACHT nur wenig gemeinsam. Die hauptsächlich mittels elektronischen Equipments produzierten Songs irritieren: Schräge Harmonien, verzerrte Akkorde und Stimmen, verspielte Tempiwechsel, ironisch eingesetztes Auto-Getune oder Synth-Blubber-Soli gehören ebenso zur Stilpalette wie die eindringliche Monotonie von Claire Evans’ Gesang, der in den Refrains mit Bechtolts Vocals zum androgynen Einklang verschmilzt. »I wanna smash your face in with a rock«, singt sie mit gleichgültiger Gelassenheit in dem Stück »Love In The Dark«. Die Band nutzt das Prinzip der Verwirrung und Verstörung auch beim Texten. »Wir haben uns weiter entwickelt«, erzählt Jona Bechtolt im QVEST -Interview. »Dieses Album bildet viel mehr eine Einheit als alles, was wir bisher gemacht haben. Früher bestanden unsere Werke aus kleinen Stückchen, die wir zusammenfügten. Hier kann jeder Song für sich stehen – und trotzdem erfüllt er im Kontext des Albums eine Funktion.« Was nicht verwundert, denn thematisch wirkt »Shangri-La« geschlossen. »Unsere Platte folgt aber keinesfalls dem Muster von Siebziger-Jahre-Konzept-Alben«, beteuert Claire L. Evans. »Wenn Claire und ich uns auf ein übergreifendes Thema eingeschossen haben, gehen wir sehr zielstrebig vor. Wir beschäftigen uns dann nur mit diesem einen Ding, das völlig von uns Besitz ergreift«, ergänzt Jona. Und dieses Ding, das YACHT auf »Shangri-La« so ausgiebig besingen, heißt »Utopie«. So etwa lauten die Titel der ersten beiden Albumtracks »Utopia« und »Dystopia«, in weiteren Songtexten geht es um „Arcadia“, das Paradies oder schlicht die Zukunft. Das Artwork stammt von dem Sci-Fi-Künstler Jim Burns, der bereits für »Blade Runner« designte. Laut Evans, die nebenbei als wissenschaftliche Journalistin diverse Blogs betreibt, ist ihre Utopie- Besessenheit die Folge einer Erfahrung, die die beiden vor einigen Jahren gemeinsam machten: das Erblicken der Lichter von Marfa. Der kleine texanische Ort erstrahlt in einem wissenschaftlich nicht erklärbaren Phänomen, das gleichermaßen neugierige Touristen wie Esoterik-Freaks anzieht. Bis zu 20 Mal pro Jahr funkeln mysteriöse Lichter am Horizont über der Stadt. Das Paranormale, so haben es YACHT vom Spektakel um den schönen Schein gelernt, ist ein wichtiger Teil unseres Lebens.
Dieses Phänomen hat uns so stark beeinflusst, dass sich daraus unser Album ›See Mystery Lights‹ von 2008 entwickelte«, erläutert Evans die Entstehungsgeschichte der YACHT-Philosophie. »Obwohl die Wissenschaft in unserem Informationszeitalter fast alles erschlossen hat, existieren noch Dinge auf dieser Welt, für die es keine Erklärung gibt. Jona und ich kamen eher von einem akademischen Background – und dann öffnete das Beobachten der Marfa-Lichter eine neue Tür in unseren Köpfen.« Von rationalen Deutungen lässt sie sich nicht beirren: Die These, es handele sich bei den Lichtern um Reflexionen von Autoscheinwerfern, erscheint ihr lächerlich. »Für uns ist es einzigartig, wie die Menschen in Marfa in Anwesenheit eines solchen Mysteriums überhaupt normal leben können. Nach unserem Aufenthalt dort haben wir zwei Jahre lang recherchiert und mit Leuten über Religion und Paranormalität gesprochen, bis wir wussten, dass der einzige logische Schritt darin bestünde, das Erlebte in eine physische Form zu bringen. Unsere Ideologie, unsere Ideen physisch zu machen, wie in unserem Album ›Shangri-La‹. Das ist ›Utopia‹ für uns.« Im YACHT-Kosmos ist die Utopie etwas Persönliches, das in jedem Menschen steckt – wie etwa sein kreativer Output. »Kreation bedeutet, etwas aus dem Nichts zu machen. Was dabei entsteht, ist deine Utopie. Allerdings solltest du es nicht für andere tun. Der Werbetexter, der einen Spot konzipiert, gestaltet nicht für sich – es sei denn, er hält Werbung für einen Teil seiner Seele«, sagt Evans, die sich aufgrund ihrer detaillierten Erklärungen als die treibende Kraft hinter den wilden Ideen der Band entpuppt.
Jegliches Fremdeinwirken ist in der Welt von YACHT tabu, Evans und Bechtolt steuern alle Prozesse persönlich. Sowohl jedes noch so kleine Soundschnipselchen als auch der Webauftritt, das komplette Merchandising, die Video-Clips, die Live-Video-Shows und natürlich die gesamte YACHT-Ideologie wurden von Evans und Bechtolt persönlich erdacht und produziert. »Unser Konzept hat keine Grenzen – im Gegensatz zu dem einer konventionellen Rock’n’Roll-Band«, sagt Evans. Grenzenlos in der Tat: Das YACHT-Konzept erobert sogar die Körper der Fans. Auf seiner Webseite gibt das Duo nicht nur detaillierte Hinweise über das Design eines adäquaten YACHT-Tattoos (wahlweise ein Dreieck oder ein Anker), sondern auch über seine Position. »Die Anweisungen auf unserer Webseite erfolgten als Resonanz auf gezielte Anfragen. Die Leute wollten ein Artwork, und wir demonstrieren ihnen, wo es am besten aussieht – und wo man es aus energetischen Gründen nicht platzieren sollte. Inzwischen kommen die Menschen nach Auftritten zu uns und zeigen uns ihre Tattoos. Das ist für uns überwältigend«, meint Bechtolt. »Du musst aber kein Tattoo haben, um Mitglied von YACHT zu sein«, ergänzt Evans. »Auch du bist gerade in YACHT, weil wir ein Gespräch miteinander führen.«
Solche Ausführungen der Band mögen bei einigen Menschen die Esoterik-Alarmglocken zum Bimmeln bringen. Andere wiederum befürchten, es könne sich vielleicht um eine Sekte handeln. Und: Keiner bestreitet, dass derartige Anwandlungen schnell ins Peinlichkeits-Nirvana führen können. Fakt ist aber: YACHT ist total unpeinlich. YACHT ist eine Band, ein Business und ein Glaubens-System. Ein eigenes Referenz-Modell mit einer eigenen Utopie. ›Shangri-La‹ ist der Ort, wo sie stattfindet. Ein Ort, der aus zehn tollen und verwirrenden Pop-Songs besteht.