Und ewig lockt der Jet-Set
Gunter Sachs, Saint-Tropez’ Gentleman -Playboy
Gunter Sachs war der jüngere Sohn des deutschen Industriellen Willy Sachs, der ab 1932 Alleininhaber des Sachs-Konzerns (u. a. Fichtel & Sachs AG) war. Gunter Sachs’ Großvater väterlicherseits war Geheimrat Ernst Sachs, Erfinder des Fahrrad-Freilaufs und Mitbegründer des Unternehmens. Großvater Wilhelm von Opel war der Sohn des Opel-Gründers Adam Opel. Das Nichtstun war ihm in die Wiege gelegt. Es wurde ein schaffensreiches Leben. Seinen amerikanischen Playboy-Alter Ego Hugh Hefner nannte Sachs einmal einen »Kasper«, weil er relativ untätig im Morgenmantel bezahlte Bunnies um sich herum scharte – und es bis heute tut. Für den Gentleman-Playboy Gunter Sachs hatte das keine Klasse. Eine Frau muss umwerfend sein, und entsprechend umworben und umgarnt werden.
Eine der historisch bedeutsamsten Amtshandlungen dieser Art bestand darin, im Zuge des Heiratsantrags an Brigitte Bardot rote Rosenblätter aus einem Helikopter über dem Meer zu verstreuen, selbst hinterherzuspringen und in seiner Standard-Playboy-Ausrüstung (weiße Hose, blaues Sakko, bis zum Bauchnabel offenes Hemd) an den Strand zu schwimmen. Der Einsatz lohnt sich: BB sagt ja. Und, wichtig im Jet-Set: Alle, wirklich alle haben es beobachtet. Die Nebenbuhler, Zuschauer, die Paparazzi. Geburtsstunde der modernen Medienwelt. Die Ehe hielt drei Jahre. Für einen Playboy eine Ewigkeit. Nach Sachs’ eigener Definition ist ein Playboy »eigentlich ein wunderbarer Nichtstuer«. Nur er selbst sei gar keiner, die Medien hätten ihn dazu gemacht. Und das ist zu einem großen Teil auch richtig; aber nur deswegen, weil er das »süße Nichtstun« so gut beherrschte wie kein Zweiter. Trotzdem war Sachs keineswegs ein Nachfolger des Bonvivant, des Herzensbrechers der 20er Jahre, geschweige denn des Papagallo, der am Strand wahllos Frauen angräbt. Sachs war, zumindest was sein Playboy-Dasein angeht, eine Mischung aus Beau, Adonis und Filou. Eigendefinition: »homo ludens«, der spielende Mensch. Seine Lebensaufgabe: »Frauen sind das Schönste, was es gibt auf der Welt.« 1969 blieb er bis zu seinem Tod an einer hängen, Mirja, natürlich ein schwedisches Model.
RON GALELLA Eröffnung der neuen Discothek »The Gymnasium«, Nico von Velvet Underground liegt auf einem Trampolin, New York, 1967 © Ron Galella Ltd.
Er fotografiert Frauen, sammelt Kunst, wird brav, bürgerlich, kreativ, produktiv und bis zu seinem Freitod ein wichtiger Förderer und Sammler moderner Kunst. Saint-Tropez feiert und feiert und feiert. Wo Sachs noch lässig seine Boote direkt an der Kaimauer vertäute, um sich gegenüber ins Café Sénéquier zu setzen, flanierten bald die Picassos, die Chansonniers, später auch die Rockstars. Mick und Bianca Jagger feierten hier ihre Hochzeit, sie in einer durchsichtigen Bluse. Worauf es in Saint-Tropez jedoch in Wirklichkeit ankommt, ist das Normalsein. Das gestaltet sich im Zuge heranströmender Touristen für den Jet-Set aber als zunehmend schwierig. Das Hôtel de La Ponche, wo weiland Picasso und Paul Eluard einen Kaffee tranken und aufs Meer schauten, ist für normalsterbliche Popstars eine Illusion, der Kaffee für Touristen fast unerschwinglich, und beides bedingt: Schließlich wäre der Kaffee nicht so teuer, wenn rein hypothetisch gleich Saint-Trop’-Dauergast Jack Nicholson nebenan Platz nimmt. Die Szene verlagert sich von den geheimen Stränden und Buchten, den kleinen Gassen und Winkeln zwangsweise auf die Yachten, von denen man sich möglichst unauffällig mittels kleiner Beiboote unters Volk zu mischen versucht – Pénélope Cruz hat sogar mal den Müll von Bord gebracht, um nicht erkannt zu werden. Bono kann mit seiner Puck-die Stubenfliegen- Brille Hummer kaufen und entschwinden, bevor er im Rücken das berühmte »Ist das nicht …?!« vernimmt – weswegen Saint-Tropez wohl immer noch fünf Millionen Menschen pro Jahr anzieht.
PATRICK LICHFIELD Mick und Bianca Jagger nach ihrer Hochzeit in St. Tropez, 1971 © Lichfield Studios Limited
Aber Saint-Tropez ist auf seine Art wieder ruhig geworden. Die Millionenyachten dümpeln gelangweilt im Hafenbecken herum, wo man einen festen Platz hat und spontan kaum einen bekommen kann. Im Winter sind Orte wie Porto Cervo nur von Gärtnern und dem Sicherheitspersonal bewohnt. Während Flavio Briatore dort zur Saison noch immer Leute findet, die in seinem Billionaire’s Club für eine Cola 80 Euro zahlen, führt Silvio Berlusconi mit Bunga Bunga die mediterrane Partytradition auf ähnlich dubiose Art fort. Der Jet-Set und die wilden Partys, sie sind nicht weiter gezogen. Sie haben einfach an Klasse verloren. Wenn sich heute It-Girls auf den Yachten vor Formentera und Ibiza oder auch in den Strandclubs Tahiti Plage, Club 55, Nikki Beach und Aqua Club in Saint-Tropez von neureichen Parvenus publikumswirksam abfüllen lassen, hat das mit der Luxus-Variante des Savoir-Vivre wie ein Gunter Sachs, ein Herbert von Karajan, eine Liz Taylor, die Chansonniers, die Royals und sogar die Rocker es beherrschten, nichts mehr zu tun. Die gepflegte, mittlerweile leider auch ungepflegte Langeweile kehrt schnell wieder dort ein, wo es an Leuten mangelt, die ostentativ dem Imperativ des Carpe Diem folgen, obwohl sie den ganzen Tag über nichts zu tun haben und sich alles leisten können: die Jet-Setter vom alten Schlag. Wir wünschen einen schönen Sommer. Machen Sie das Beste draus.
