Phoenix aus der Asche
Zusammen mit Donatella Versace erweckte Christopher Kane die einst im Dornröschenschlaf versunkene Linie Versus wieder zu neuem Leben. Mit beträchtlichem Erfolg. Anlässlich der hochgelobten Show während der Mailänder Fashion Week gab uns der 29-jährige Brite ein exklusives Interview.

Wie die 80er endeten, so begannen auch die 90er Jahre – mit großem Glamour. Dafür zeichnete in besonderer Weise ein Modeschöpfer verantwortlich: Gianni Versace, der mit Aufsehen erregenden Inszenierungen seiner dekadenten Mode den klaren Kontrastpol zu allmählich aufkeimenden Minimalismus der Dekade bildete. Ein Schwelgen in grellen Farben, Luxus und Opulenz – der typische Versace-Stil war unerhört laut und unverkennbar extravagant. Die Markenbotschafter waren naturgemäß die Schönen und Reichen des Jet-Set. Musiker wie Madonna oder Michael Jackson waren auch privat mit dem Designer befreundet, Supermodels wie Naomi Campbell, Linda Evangelista oder Cindy Crawford wurden mit dem Label assoziiert, ebenso damalige Starlets wie Elizabeth Hurley, die sich mit dem legendären Sicherheitsnadel-Kleid über Nacht einen Namen machte und damit eine Weltkarriere lostrat. Sie alle waren Idole jener Ära und hatten einen enormen Einfluss darauf, wie Jugendliche und Junggebliebene aussehen, und vor allem sich kleiden wollten. Das erkannten auch viele andere Modehäuser und reagierten ab Mitte der 80er Jahre mit so genannten Zweitlinien. Sie waren explizit an eine jüngere Klientel gerichtet, die sich zwar (noch) nicht das »Black Label« leisten konnte, dafür aber Lust hatte, trotzdem mit den Signaturelementen der Marke zu punkten.
Um auch den Jüngeren Eintritt in den von vielen als heilig empfundenen Versace-Kosmos zu gewähren, wird 1989 Versus gegründet. Giannis kleine Schwester Donatella, sowohl Muse und als auch Kritikerin des legendären Modeschöpfers, wird ein Jahr später zum Creative Director ernannt. Mit sicherem Gespür für den Stil der Jugend etablierten sich ihre Kollektionen schon nach kurzer Zeit am Markt und wurden – nicht weniger ausgefallen als ihre »Alter egos« der First Line – schnell zu Verkaufshits. Wenn Gianni der Sonnenkönig der Mode war, so galt Donatella als die rebellische Prinzessin. Die Marke wird sukzessiv ausgebaut: mit Accessoires, Uhren- und Brillenkollektionen sowie einer ganzen Reihe von Düften (welcher Teenager konnte nicht in den 90er Jahren das Parfum »Versus Blue Jeans« sein Eigen nennen?), um schließlich 1995 die Showlocation nach New York City zu verlagern. Dort geht die Erfolgsstory nahtlos weiter: Mit dem Big Apple als perfekte Kulisse für den unkonventionellen »Rock-Chic Style« behauptet sich das Label weiterhin auf dem Modeterrain und vergrößert seine Fangemeinde stetig. Im Jahre 2004 aber wird Versus Opfer von Restrukturierungsmaßnahmen im Versace-Konzern – und vorübergehend eingestellt, mit Ausnahme von einigen wenigen Accessoires. Man entscheidet, sich fortan nur noch auf die Hauptlinie zu konzentrieren.
Die Wiedergeburt folgt fünf Jahre später – mit einer überraschenden Wendung. In einer sehr privaten Präsentation wird der Fachpresse damals eine Capsule Collection vorgestellt, bestehend aus Taschen, Schuhen und Schmuck, die prompt an die Sinnlichkeit und an die provokativen Schnitte des Meisters Gianni erinnert. Doch hinter dem Vorhang zeigt sich am Ende des Defilees nicht nur Donatella, sondern auch ein anderer Liebling der Modeszene – Christopher Kane. Der Plan ging also auf: Nachdem in den Nullerjahren der einst stolz zur Schau getragene Glamour verpönt war, kehrte er nun mit geballter Ladung zurück. Später erklärte Donatella: »Christopher hat mich schon von Anfang an mit seiner Arbeit begeistert. Sein Rock’n’Roll-Stil ist stark, glamourös und sehr sexy – genau passend zum Geist von Versus. Diese Linie war immer sehr nah am Lebensstil von Modebegeisterten, die ihren Stil ständig weiterentwickeln wollen. Und als um den Relaunch der Marke ging, war für mich klar, dass nur Christopher dafür in Frage kommt.«
Seit nunmehr zwei Jahren arbeiten die beiden eng zusammen und zeigen während der Mailänder Fashion Week ihre ganz eigene Vision von Glamour und Pomp.
QVEST: Mr. Kane, Hand aufs Herz: Warum, denken Sie, hat sich Donatella Versace ausgerechnet für Sie entscheiden, um dem Label Versus neues Leben einzuhauchen?
Christopher Kane : Oh, gleich zu Beginn die schwierigste Frage … (lacht) Nein, im Ernst! Der Grund ist diese unglaubliche Chemie zwischen uns beiden. Ich habe Donatella nach meinem Studienende am Central Saint Martin’s College kennengelernt; damals habe ich einige Monate im Design Office von Versace in Mailand gearbeitet. Auf Anhieb haben wir uns verstanden und sofort Zugang in die Arbeit des anderen gefunden. Es ist eine kosmische Fügung gewesen, glaube ich: Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Wann war eigentlich Ihr erster Kontakt mit Versus, will sagen, wann haben Sie die Marke zum ersten Mal bewusst wahrgenommen?
Das war ganz klar in den 90er Jahren, als das Haus eine enorme Anziehungskraft auf die gesamte Modewelt ausübte. Ich erinnere mich an die phänomenalen Versus-Kampagnen jener Zeit, die durch den Glamour der Supermodels wie Claudia Schiffer, Tatjana Patitz oder Helena Christensen zusätzlich akzentuiert wurden. Diese opulente Welt war so viel anders als alles, was zu dem Zeitpunkt der Norm entsprach. Man spürte sofort, dass viel Persönlichkeit, Leidenschaft und Innovation hinter jeder einzelnen Kreation steckte. Und als Außenstehender wollte man unbedingt dazugehören und den Lifestyle adaptieren, der hier vorgelebt wurde. In meiner Heimatstadt Glasgow gab es damals eine Versace-Boutique, die ich öfter besuchte. Allein das Betreten des Stores war schon ein Erlebnis für sich. Die dort präsentierten Kollektionen zeichneten sich für mich durch eine besondere Raffinesse aus – und einem klar definierten Frauenbild. Nicht so wie heute, wo jede Saison gerne mal ein neues Image der Frau heraufbeschworen wird. Donatella ist sich immer treu geblieben; daher hatte sie sicherlich einen großen Einfluss auf die Entwicklung meiner Handschrift …
Wie Sie bereits betonten, war die typische Versus-Frau unverkennbar. Welche Entwicklung hat sie über die Jahre durchlaufen? Wie würden Sie sie heute beschreiben?
Früher waren besonders Frauen von der Versus-Linie angetan, die einfach nur Spaß an der Mode haben wollten. Und auch bereit waren mal über die Grenzen hinauszugehen. Typisch Rock’n’Roll eben! Heutzutage ist unsere Kundin erwachsener, ich würde sie als »more sophisticated« beschreiben. Doch trotz aller Veränderungen hat sie immer noch den ultimativen Glamourfaktor, wobei sich Verständnis und Bedeutung des Begriffs über die Jahre natürlich gewandelt haben. Es ist okay in die Vergangenheit zurückzublicken, jedoch muss man als Designer eine moderne Interpretation des Bewährten liefern und den so genannten Zeitgeist unbedingt im Auge behalten.
Sie haben gerade die Vergangenheit angesprochen: Wie wichtig ist die Vergangenheit, um für die Zukunft zu kreieren? Haben Sie das Gefühl, dass sie an gewisse Referenzen gebunden sein müssen?
Es ist sicherlich eine Herausforderung, in ein Unternehmen mit einer derartigen Vergangenheit einzuscheren, aber ich denke, dass es viele Vorteile hat. Wie schon erwähnt, man designt für ein Haus mit einer sehr starken Identität, und dies sollte man meiner Ansicht nach in seinem Schaffensprozess respektieren und reflektieren. Außerdem, Donatella als Mentorin zu haben ist unbeschreiblich, der Austausch untereinander ist immer wieder überraschend!
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