Die Bewahrerin
Laut Wikipedia ist ein Archiv »eine Institution, in der Dokumente, die zur laufenden Aufgabenerfüllung nicht mehr notwendig sind, erfasst, erschlossen, erhalten, ausgewertet und zugänglich gemacht werden. Im übertragenen Sinne bezeichnet es auch das Gebäude und einen Raum.« Mit ihrem Buch »Archiv verworfener Möglichkeiten« knüpft die Szenenbildnerin, Künstlerin und Autorin Naomi Schenck genau an dieser Doppeldeutigkeit an. Ihre Idee: Man nehme Bildmontagen, die Szenerien für ungedrehte Filme zeigen, überlasse 35 Autoren die Bilder und hoffe darauf, dass diese sich von den Bildern für ganz eigene Texte und Erzählungen inspirieren lassen. Das Ergebnis zeigt auf beeindruckende Weise, was passiert, wenn man künstlerische Arbeit, Szenographie und teilweise verstörende Texte miteinander verbindet.

QVEST: Ausgangspunkt für das »Archiv verworfener Möglichkeiten« sind Räume. Woher kommt Ihre Faszination für Räume?
Naomi Schenck: Eigentlich hab ich mich schon immer für Räume interessiert – man nimmt ja bereits als Kind wahr, in welchem Raum man sich wohl fühlt und in welchem nicht. Man baut sich Buden und Höhlen, erfindet neue Räume innerhalb des elterlichen Hauses, und später wird dann das Zimmer nach eigenen Vorstellungen umgestaltet und so der persönliche Ausdruck erweitert. Bei Räumen geht es immer um ein Wechselspiel zwischen Wahrnehmung und Eingriff. Auf der einen Seite steht das aktive Umgestalten, auf der anderen das schlichte Beobachten. Wunderbarerweise arbeite ich heute in einem Beruf, wo ich beides tun kann. Ich habe fast täglich die Möglichkeit, Räume zu finden, zu dokumentieren, umzugestalten.
Wie gehen Sie dabei vor?
Das Umgestalten ist in gewisser Weise eine handwerkliche Tätigkeit, etwas sehr Angewandtes. Auch ein bisschen wie erweitertes Verkleiden an Karneval: Heute machen wir mal aus der Uni-Mensa eine Bank. Oder aus einer Waschküche eine Gefängniszelle. Oder aus einem Wohnzimmer ein Schlafzimmer. Es ist faszinierend, diesen Shift der Realitäten mitzuerleben. Und das größte Kompliment für die Film-Ausstattung ist es, wenn Unbeteiligte »darauf reinfallen«, und beispielsweise fragen, wann denn das Wettbüro eröffnet – das wir nur für einen einzigen Tag in den Leerstand einer ehemaligen Bäckerei eingebaut hatten. Das »Abschminken« nach Drehschluss ist auch wieder interessant: In dem Moment, in dem die Requisiten entfernt werden, gewinnt der Raum seine Alltagsidentität zurück. Das ist zugleich faszinierend und banal. Es hat halt einen konkreten Sinn und Zweck, nämlich den, temporär den Hintergrund für eine Filmgeschichte herzustellen.
Wie ist es mit dem Prozess davor, dem Finden der richtigen Räume?
Das ist sicherlich das Spannendste, und das, was mich auch unabhängig von der Filmarbeit interessiert und schließlich zu dem Archiv-Projekt geführt hat: Das Entdecken eines Raumes. Räume besitzen ein Eigenleben, auch wenn sie im Verfall begriffen sind. Sie sind Informationsträger, tragen Geschichten in sich. Räume bieten Schutz, sie können aber auch abweisend sein oder einschüchtern. Sie lassen sich zum gewissen Grad wandeln, bleiben jedoch in ihren Parametern fest. Besonders die verlassenen Räume haben eine ganz eigene Aura. Räume sind immer von Menschen durchwirkt, aber verlassene Räume haben noch einmal eine ganz eigene Atmosphäre. Da ist es nur ein recht kleiner Unterschied, ob seit zwei Minuten oder seit zwanzig Jahren niemand mehr in ihnen gelebt hat. Das sind die Räume, die ich archiviere: Räume, die Geschichten von Menschen erzählen, diese jedoch nur am Rande zeigen – wenn überhaupt, dann beiläufig, fast verschwindend, als Zaungäste.
Bei Ihren Bildern hat man auch ohne die Geschichten des Buches das Gefühl, dass sie etwas ganz Eigenes erzählen …
Und das ist ja auch so! Räume erzählen Geschichten – auf sehr offene Weise: In ihnen muss man sich nicht auf eine zu erzählende Geschichte festlegen, es gibt Hunderte … Natürlich gilt ähnliches für die Außenwelt, ob sie nun von der Natur oder vom Menschen gestaltet ist. Aber das Außen ist unglaublich ausufernd, da kommt man ja vom Hölzchen auf Stöckchen und kann theoretisch bis ans Ende der Welt laufen. Der Innenraum ist für mich als Untersuchungsobjekt und als Spielwiese geeigneter, denn er ist eine begrenzte, überschaubare Größe, die sich auch mal mit einem Blick erfassen lässt. Das Buch zeigt übrigens nicht mein Archiv selbst – wie man das vielleicht in der Tradition von Bernd und Hilla Becher auch hätte machen können – sondern: neue Bilder, Collagen, die aus meinen Archiv-Bildern zusammengesetzt sind. Irgendwann habe ich einfach begonnen, die einzelnen Bilder frei miteinander zu kombinieren, und so sind vertikale Diptychen und Triptychen entstanden. Das schien mir geeigneter, um sie quasi zu neutralisieren, sie von ihrer Funktion als Motiv-Vorschläge zu entbinden und so auf ihr Eigenleben aufmerksam zu machen.