Andrews queere Freak-Show
Mit dem neuen Sound haben sich auch neue Stimmen im Hercules-Universum etabliert. Der preisgekrönte Antony und die transsexuelle Nomi, die das Debüt mit ihren außergewöhnlichen Vocals veredelten, widmen sich aktuell ihren eigenen Bands. Eine queere Freakshow mit Androgynität als Mindestanforderung ist »Hercules & Love Affair« zum Glück trotzdem noch. Neu am Mikro: der ehemalige Fan Shaun Wright, dessen Gestalt an Schwulen-Ikone Sylvester, während sein Gesang an House- Legende Robert Owens erinnert. Außerdem die für Ellen Alliens Bpitch-Control-Label tätige Venezuelanerin Aerea Negrot, die sich in ihren glorreichsten Momenten durch die Erhabenheit einer Grace Jones auszeichnet. Als Butler sie auf einem »Antony and the Johnsons«-Konzert kennen lernte, imponierte ihm vor allem ihre gleichermaßen starke Liebe zu Techno und Oper. Und mit dem Timbre einer technophilen Opernsängerin leitet Aerea auch den ersten Song des Albums ein: das dramatische, mit schwülstigen Streichern ausgestattete »Painted Eyes«. Ein Song, der auf eindrucksvolle Weise belegt, dass sich »Hercules & Love Affair« in der Tradition ihrer bisherigen Stilmittel neu erfunden haben. Und der im Auftrag eines weltbekannten Modehauses produziert wurde. »Als Chanel uns nach einem Song fragte, schrieb ich »Painted Eyes« speziell über Coco Chanel. Ich wollte den Punkt ihres Lebens in Worte fassen, an dem sie sich mit dem Namen »Coco« neu erfand und zu einer feministischen Ikone wurde. Das Label hat den Song dann für Fashion-Shows genutzt.«, berichtet Butler. Auch ein anderes renommiertes Mode-Unternehmen klopfte an: Vergangenen September buchte Donatella Versace die Band als Live-Act für ihre Show in Mailand. Butler ist noch immer beeindruckt: »Bevor wir dort auftraten, hatte ich gewisse Bedenken und vermutete, Donatella könnte unnahbar oder sogar boshaft sein. Das Gegenteil war der Fall. Sie zeigte sich sehr dankbar dafür, dass wir spielten und war unglaublich nett zu uns allen. Genau wie die Besucher der Show, denn sie reagierten so, wie Fashion-Crowds normalerweise nicht reagieren: Sie tanzten! Ich war überrascht, dass die Leute diesen Event wie eine Party genossen. In New York stehen die Besucher derartiger Shows nur rum und posen.« Modeaffinität gehört per se zum guten Ton der Band: Nicht nur, weil Sänger Shaun ein Modedesign-Diplom in der Tasche hat oder Butler als 19-jähriger sein Geld in einer Agentur für Modefotografen verdiente. »Alle in der Band besitzen einen sehr eigenen Sinn für Stil. Bevor wir auf die Bühne gehen, diskutieren wir oft endlos über unsere Outfits. Ich bin dabei normalerweise so nackt wie nur irgend möglich, bevor mir jemand sagt, dass ich besser ein bisschen mehr anziehen sollte.«
»Blue Songs« katapultiert jedoch nicht nur einen neuen Sound und neue Stimmen in die Welt von »Hercules & Love Affair«, sondern auch eine neue Plattenfirma und einen neuen Produzenten. Butler verließ New Yorks hippes Dfa-Label, um sich seinen Sound in Österreich maßschneidern zu lassen. Der nicht nur als DJ im New Yorker Limelight Club bekannt gewordene Wiener Patrick Pulsinger beeindruckte Butler vor allem mit seiner Kollektion von Vintage-Equipment, dank dem sich mühelos die Chicago-Grooves der Achtziger ins Jetzt beamen ließen. Zudem verstand Pulsingerspontan Butlers Vision eines neuen Sounds, den er epischer, voluminöser und vor allem dunkler anlegen wollte als zuvor. Auf die wild scheppernden Cowbells, die so viele schwule High Energy- Disco-Tracks auszeichnen, hat er diesmal komplett verzichtet. Stattdessen ist die Unbeschwertheit von Songs wie »Blind« oder »Athene« der analogen Düsterdisco gewichen, die Butler schon seit seiner Kindheit fasziniert. »In den Synthie-Pop-Stücken der frühen Achtziger steckt oft eine starke Melancholie, die heutigen Chartproduktionen völlig fehlt«, erklärt Butler seine andere Inspiration neben House.
Der von Sängerin Alison Moyets androgyner Stimme dominierte Electro-Pop des britischen Duos Yazoo zog bereits den neunjährigen Andrew in seinen Bann – und ließ ihn nie wieder los. Was sogar pädagogische Konsequenzen hatte: Seine Mutter schaltete das Radio aus, bevor Moyets Gesang den kleinen Andrew in Begeisterung versetzen konnte. »Meine Mutter wusste nicht, ob Alison Moyet ein Mann oder eine Frau war. Und konnte nicht verstehen, dass mir so etwas gefiel. Ich glaube, sie befürchtete damals, dass ich schwul sein könnte – was sie irgendwie in dieser Musik erkannte. Heute hasst es meine Mutter, wenn ich diese Geschichte in Interviews erzähle«, lacht Butler. Inzwischen hat er sein Chop Suey fast aufgegessen. Eine Frage hinsichtlich der auf Hercules‘ Debütalbum ausgiebig genutzten Cowbells braucht aber nun noch eine Expertenantwort – denn niemand konnte bisher erklären, warum gerade dieses Instrument so viele Dance-Tracks der schwulen Welt rhythmisch prägt. »Weil jede Queen eine spielen kann«, sagt Andrew, lacht atemlos und führt sich den Rest des Asia-Dinners zu. Andrews queere Freak-Show ist auftrittsbereit – und wird die schwulen Momente von Electro mit der Deepness von House vor einem neuen Publikum vereinen. Auch ohne Cowbells.
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