Andrews queere Freak-Show

Auf Fashion-Shows genau so zuhause wie daheim: Hercules & Love Affair verlassen die Disco und ziehen mit ihrem neuen Album »Blue Songs«“ins House.

1986: Die fruchtbaren Jahre von Disco und New Wave sind Geschichte. Ein paar Kids in Chicago loten die technischen Möglichkeiten von analogem Equipment neu aus – und stemmen etwas in den Mainstream, das die Tanzflure bis heute erbeben lässt: House. Frankie Knuckles, Marshall Jefferson und Co. werden in europäischen Clubs als Nonplusultra gehandelt – und Sterling Void veröffentlicht den Track, der nicht nur später von den Pet Shop Boys gecovert werden sollte, sondern noch heute als eine Hymne der Bewegung gilt: »It’s Alright«.
2011: Andrew Butler, orangehaariger Kopf des New Yorker Dance-Projekts »Hercules & Love Affair« sitzt mit Meat Beat Manifesto- Shirt und Schirmmütze im Hinterzimmer eines Münchener Clubs. In einer Stunde wird er mit seinen Sängerinnen und Sängern den Support von Gossip bestreiten – aber zuvor noch über sein neues Album »Blue Songs« reden.
Ein Album, das sich H-O-U-S-E buchstabiert – und so den Sound zelebriert, den Andrew als 15-jähriger auf den Warehouse-Partys seiner Heimatstadt Denver aufgesogen hat. Die Platte endet mit der Coverversion eines Songs, der als Synonym für die House-Ära steht: Das eingangs zitierte »It’s alright« wurde seiner Beats beraubt – und in Singer/Songwriter-Tradition nur mit Stimme, Klavier und Gitarre in ein neues Genre verpflanzt.
»Dieses Stück fasst das Gesamtkonzept des Albums für mich zusammen«, erklärt Andrew Butler die Leitidee für »Blue Songs«, während er sich ein paar Bissen des soeben georderten Chop Sueys zuführt. »Ich wollte mit meiner Version des Tracks zeigen, dass House reale Musik mit realen Emotionen ist. Dass es sich keinesfalls um seelenlose Retortenmusik handelt, denn schließlich wurde es von ein paar Kids erfunden, die es im damaligen Chicago nicht gerade leicht hatten. Sie nutzten ihre gesamte kreative Energie, um neue Musik zu produzieren. Und speziell »It’s alright« ist ein wunderschönes und bedeutungsvolles Stück.« Dass Andrew sich mit »Blue Songs« selbst auf House kapriziert und die Siebziger Jahre- Disco seines ersten Albums weitgehend in den Hintergrund verschoben hat, ist für ihn ein natürlicher Prozess. »Ich habe fast 15 Jahre lang Disco-Platten gesammelt, wollte ihren Geist unbedingt im Studio reproduzieren. Aber in den letzten fünf Jahren bin ich dahin zurückgekehrt, wo ich selbst herkam – zu House. Das ist der Sound, mit dem ich aufgewachsen bin. DJs wie Felix da Housecat oder Derrick Carter (mit dem Butler eine Affäre hatte) prägten mich als 15-Jährigen. Und jeder in der Band wurde auf ähnliche Weise sozialisiert. Ich wurde 1978 geboren, als Disco gerade erst aufkam.« Butler widmet der Euphorie vergangener House-Tage mittlerweile sogar sein eigenes Label Mr Intl, auf dem jegliche prä-1985 und post-1994 klingende Veröffentlichung tabu ist.

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