The Road of Excess

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Beginnen wir mit dem Gegenteil von Bling-Bling. Seit Bauhaus betonen praktisch alle Industriedesigner, dass ihr neuester Entwurf dem Prinzip »form follows function« entspricht. Kulturtheoretiker und Journalisten sehen überall – im Schweizer Messer wie im Essstäbchen, im Besen wie im Staubsauger, im iPad wie in Moleskine Notizbüchern – ein Paradigma für funktionales Design. Eine Philosophie des Stils, die das Sein über den Schein stellt. Im funktionalen Gegenstand wirkt die Magie der Einfachheit. Schlüsselworte sind hier Authentizität und Ehrlichkeit – wie sie beispielsweise von den Shaker-Möbeln verkörpert werden. Die Hardcore-Gegner des Bling-Bling schwingen sich zu einem moralischen Kreuzzug auf – jeglicher Exzess soll verschwinden. Minimalismus als Gegenentwurf zu übermäßigem Konsum. Das Mantra »form follows function« generiert aber nicht nur die glatten, reduzierten Formen eines Arne Jacobsen Stuhls sondern auch die Maschinenästethik einer AK 47 oder eines Rennmotorrads. Bei Motorradrennen geht es um Geschwindigkeit, alles Überflüssige ist hinderlich, weil es bremst. Die AJS 7R ist ein Meisterwerk der Reduktion. 1948, kurz nach dem Krieg, war schlicht und einfach nicht genug Geld da, um innovative Prototypen wie das mit Wasserkühlung und Turbomotor ausgerüstete Vorkriegsmodell V4 zu bauen. Es musste etwas her, das billig zu produzieren und leicht zu reparieren war. Also wurde eine superleichte Ein-Zylinder-Maschine mit etwa 35 PS entwickelt, die aus wenig mehr bestand als ein paar Rädern, einem Tank, auf dem der Fahrer zusammengekauert hockte, und einem Lenker. Sie war schlank, elegant, agil und schaffte bis zu 190 Sachen. 1950 gewann dieses Modell den ersten Grand Prix und 1968, fast 20 Jahre später, noch die englischen Meisterschaften. Es war ein Vorläufer aller Cafe Racer. Kurze Sitzbank, langer Tank, ein paar sinnliche Kurven, tiefer Lenker, gedrungener Auspuff – einfach perfekt. Ein Rennmotorrad hat etwas Unprätentiöses. Und die Antwort auf die Frage nach dem Warum lautet: Damit es schneller fahren kann.

SHOW
Sind Custom Bikes deshalb zwangsläufig prätentiös? Gilt das auch für die 2die4 von der Bike Farm, dem Customparts-Hersteller am Rande des Teutoburger Waldes? Der breite Hinterreifen und der kurze Auspuff signalisieren Schnelligkeit. Aber der Hardtail Rahmen, die winzige Vorderbremse und der hohe Lenker machen die Maschine deutlich langsamer. Es ist leicht, diesbezüglich eine puritanische Haltung einzunehmen. Konsequente Verfechter der Einfachheit müssen die barocken Formen der Custom Bikes missbilligen. Doch Moral-Apostel zu spielen, macht auch keinen Spaß. Um mit Oscar Wilde zu sprechen: Beständigkeit ist der letzte Zufluchtsort fürs Fantasielose. Im Chrom der 2die4 möchte man am liebsten baden gehen. Die etwa 15 Lackschichten über der flammend roten Farbe glänzen wie Bernstein und sehen aus wie flüssiger Honig. Die gedrehten Chromfelgen mit den Messingnippeln reflektieren das Licht auf eine Weise, die dem Betrachter das Gefühl gibt, von wütenden Sonnenstrahlen angegriffen zu werden. Jedes noch so kleine Einzelteil ist durch die Hände eines besessenen Meisters gegangen. In anderen Zeiten hätten solche Leute den Altarschmuck einer gotischen Kathedrale gefertigt. Das einzige Eingeständnis an die Funktionalität ist der alter Harley Knucklehead-Motor. Aber trotz dieses sechzig Jahre alten V-Zwillings ist die 2die4 weder eine Maschine für die 57. Runde eines Langstreckenrennens noch ein funktionaler Gegenstand für einen verregneten Dienstagnachmittag. Sie ist ein Saturday Night Special: Rock ‘n’ Roll mit einem Hauch Rotlichtviertel und Tattoo-Studio. Man brezelt sich auf, um mit diesem Bike die Stadt unsicher zu machen. Die 2die4 ist ein Begleiter für die berauschenden Momente in der Woche, in denen es nicht darum geht, zu zeigen, wer wir sind (das wäre auch viel zu langweilig), sondern das zu verkörpern, was wir in einem anderen, weniger alltäglichen Leben hätten sein können. Ein Custom Bike mit einer Rennmaschine zu vergleichen, ist, als würde man Verdi und Tom Waits in einen Topf werfen. La Traviata ist keine trockene Dokumentation, und Candy Flake-Farbe und ein 1523 cm3 V2 Motor stehen nicht für Genügsamkeit und Zurückhaltung. La Traviata und die 2die4 sind Ausdruck einer überschäumenden Energie, die William Blake so beschrieben hat: Der Weg des Exzesses führt in den Palast der Weisheit.

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