Chilly & Gonzales

Geboren 1972 als Jason Beck in Montreal. Früher wohnhaft in Berlin, hält sich derzeit in Paris auf. Bezeichnet sich selbst wechselweise als »Worst MC«, »Entertainist«, »Workaholic«. Freundeskreis: Feist, Peaches, Mocky, Socalled, Jamie Lidell. Behauptete schon mal, er habe drei Eier (und vieles mehr). Läuft privat und auf der Bühne am liebsten in Pantoffeln und Bademantel herum. Durchbruch mit Solo Piano (2004). Einladung als Pianist zum Glenn Gould Festival. Seit seinem Wohnsitz in Berlin Zuwendung zu Hip-Hop und Electro. Eigenes Mini-Musical: Superproducer, zu sehen im Internet, wo er den homosexuellen Rapper »Dorian Gay« produziert und sich von ihm zu obszönen Texten hinreißen lässt. Lädt seine Fans seit der Entdeckung seiner Liebe zum Schach auch zum Online-Schachspiel ein. Eintrag im Guinness- Buch der Rekorde im Dauerklavierspielen (27h) bei einem Konzert an drei aufeinander folgenden Tagen im Mai 2009. Lieferte sich auf dem Traumzeit- Festival im Sommer 2010 ein »Piano-Duell« mit dem Jazzmusiker und Komiker Helge Schneider und gewann (Eigenaussage). Und die Frage ist: Warum tut er das alles?

»Sie sind also der von dem Heft, auf dessen Cover ich nun doch nicht komme?« begrüßt mich Gonzales zum Interview. Er lächelt. Ob teuflisch oder charmant, kann ich nicht sagen. Nun ruht er sich nach dem Duell mit dem deutschen Entertainer Helge Schneider übers Wochenende im Hotel aus und gibt zwischen Einkäufen in billigen Kaufhäusern (sichtbar an den Plastiktüten) Interviews. Natürlich in Pantoffeln. Wie gesagt: ich frage mich, warum er das tut – einen deutschen Entertainer Klavier spielend herausfordern. Und frage ihn nun.

Gonzales: Weil es sonst keiner tut. Die haben alle das Gefühl, sie bräuchten nichts zu tun außer virtuos zu sein. Du musst aber eine Show abliefern, wenn du als Musiker wahrgenommen werden willst.

QVEST: Aber Ihre erste CD, Solo Piano …

Das war meine fünfte! Ist schon okay.

[Okay, aber jetzt schaut er ein bisschen beleidigt. Gut, man hätte genauer hinschauen können. Das hätte man aber auch müssen, die ersten Platten sind wirklich auf Kleinstlabel erschienen und nicht mehr erhältlich. Aber bitte ...]

Ihre fünfte, aber die erste auf einem Major Label, und die erste, die man wahrgenommen hat, mit der Sie erfolgreich geworden sind: Sie ist so schlicht wie schlecht aufgenommen, und so ergreifend: Frauen fahren darauf ab, Kinder hören sie rauf und runter. Warum sind Sie nicht dabei geblieben?

Wobei?

Bei »Solo Piano«. Stattdessen kommt Soft Power von 2007, so schön das teilweise klingt, mit unheimlichem Brimborium und merkwürdigen Texten daher …

Merkwürdige Texte?

Nun ja, Sie bezeichnen sich ziemlich oft als Schwein. Respektive aus Soft Power zum Beispiel, als »das Arschloch, das ich bin« … das singt mein Sohn mit.

Das ist vielleicht eine jüdische Sache. Mein Humor ist jüdisch, und das besagt, sich über heftige Themen zu äußern, sich über sich selbst lustig machen zu können, zu improvisieren. Dann komme ich halt mit meinen Pantoffeln daher und die Leute mögen es.

»I am Europe«auf der neuen CD Ivory Tower enthält großartige Metaphern zu Europa: Europa ist da zum Beispiel ein schlechter Autorenfilm, der auf dem Rücksitz eines Taxis entsteht, oder ein »racist cappucino«. Ist das Ihre Wahrnehmung von Europa – Sie leben ja lange genug hier?

Klar. »Racist Cappuccino« bezieht sich darauf, dass man sich in Europa mit Immigranten schwer getan hat. Mit »Diplomatic Techno« ist das Vorgehen im Kalten Krieg gemeint. Also nicht hach, wie witzig, sondern mit Empfindungen. Europa ist gegenüber Amerika einerseits sehr progressiv, zum Beispiel bei der gesellschaftlichen Eingliederung von Homosexuellen. »I eat gay pastry«, ich bin als Kanadier ein Teil von Europa, weil unsere Tradition ein europäischer Import ist.

Stimmt. Wenn man richtig hinschaut, sind sie stimmig, obwohl das natürlich sehr abgedrehte Bilder sind.

Das ist das Gegenteil von Ironie. Das ist Humor. Das ist jenseits dieses intellektuellen Bullshits, und wenn du sagst, dass man Europa so empfinden kann, freue ich mich, das wollte ich erreichen! Seit Sophokles besteht Ironie darin, dass das Publikum ein bisschen mehr weiß als die Figuren. Ödipus hat mit seiner Mutter geschlafen und seinen Vater umgebracht und weiß es nicht. Aber das Publikum lacht, weil es fühlt, dass es wahr ist.

Ödipus ist keine Komödie, sondern eine Tragödie.

Das ist Ironie, und meine Texte sind keine Ironie, sie sind wahr.

Darf ich mal einhaken: Das bedeutet also, das Publikum weiß alles über Sie.

Wieso?

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1 Comment

    Wat für eine Pfeife hat denn dieses Interview geführt?
    Da bringt es auch Nichts seinen Namen nicht anzuführen!

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