Opium von Yves Saint Laurent

Ich habe eine Kollegin, die, sobald sie Schritte in ihre Richtung vernimmt, nur selten aufschaut. Stattdessen riecht sie, wer sich ihr nähert.
Meine Faszination für sensible Nasen, für Gerüche und ihre emotionale Bedeutung bestand schon vor meiner Erfahrung mit Patrick Süskinds Roman ›Das Parfum‹; doch selten habe ich eine Romanfigur so bewundert wie Jean-Baptiste Grenouille.Die Tatsache, dass meine eigenen olfaktorischen Begabungen bei genauerer Betrachtung allenfalls als funktional zu bezeichnen sind, tut meiner Faszination keinen Abbruch.
Eines Tages erklärte mir eine Freundin, sie hätte die Angewohnheit, Menschen und die für sie passenden Gerüche in Farben zu kategorisieren. Ich sei demnach rot bis violett. Damit kann ich gut leben, immerhinhabe ich noch nie ein Parfum besessen, dessen Flakon blau oder gar grün war. Warum ich beim Parfumkauf stets instinktiv nach dem Flakon in einer eher warmen Farbnuance greife, kann ich nur erahnen. Vielleicht ist die Farbe des Flakons für mich ein deutlicher Hinweis auf den Inhalt. Rot vermittelt mir blumige Schwere, rot strahlt Unergründlichkeit und etwas Rätselhaftes aus. Als der Duft ›Opium‹ 1977 auf den Markt kam, löste er eine wahre Hysterie aus. Frauen waren hingerissen von dem orientalisch anmutenden Flakon und dem sinnlich-schweren Aroma des Inhalts. Das Geheimnis des Parfums lag in dem Vermögen, einer mystifizierten Welt etwas von ihrer Unerreichbarkeit zu nehmen und sie ihrer Trägerin ein kleines Stück näher zu bringen.
Über 30 Jahre später hat der Duft nichts von seiner ursprünglichen Symbolik eingebüßt: Flucht aus dem Alltag, die sinnliche Opulenz des Orients, Freiheit, der Reiz des Fremden und das Versprechen, Überraschungen zu erleben.
Zugegeben, ich hätte in den meisten Momenten meines Lebens, in denen Opium mein Begleiter war, wahrscheinlich nicht mehr oder weniger erlebt als ohne den Duft. Aber es hätte sich anders angefühlt. Wichtig ist gar nicht, was tatsächlich passiert, sondern was passieren könnte. Bedeutender noch als die Duftkomposition an sich ist das Versprechen, das sie mit sich bringt. Darin liegt der Reiz von Opium: Es verleiht seiner Trägerin das Gefühl, dass der nächste großartige Augenblick nur einen Steinwurf entfernt wartet.

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