Charlotte Gainsbourg: A Ballad of Intimacy
Du hast zum Beispiel den Film mit deinem Vater über das Thema Inzest gemacht …
Im Film geht es nicht um Inzest. Zumindest nicht richtig. Es ging um einen Vater und eine Tochter, und er hatte Probleme. Wir haben einen Song gemacht, in dem es darum geht – ›Lemon Incest‹.
Genau damit sprichst du aber Tabus in unserer Gesellschaft an.Ich will damit nicht schocken. Ich partizipiere nicht an solchen Geschichten, weil ich denke, ›okay, da ist dieses Thema, was in unserer Gesellschaft nicht angesprochen wird, also ist das meine Aufgabe‹. Ich habe ja auch in »Zementgarten« mitgespielt. In dem Film geht es um Inzest, zwischen einem Bruder und einer Schwester. Aber generell denke ich, dass man sich für ein bestimmtes Thema begeistern muss, und ich glaube, dass in dramatischen Filmen auch etwas Heftiges passieren muss. Etwas, dass dich fordert.
Was ist stärker? Ein Wort oder eine Tat?
Ich glaube, Taten sind stärker. Wörter sind nicht so stark wie das Gefühl, welches sich dahinter verbirgt. Ein Gefühl ist keine Tat. Ich würde sagen, Gefühle sind am interessantesten, weil sie hinter den Worten stehen und hinter der Tat. Taten sind wirklicher. Sie implizieren einen Beweis.
Hast du schon mal jemanden gehasst?
Nein. Ich habe die Tendenz dazu, Sachen zu vergessen. Das hat nichts mit Vergeben zu tun. Aber manchmal haben mich Leute schlecht behandelt, und das vergesse ich meistens. Ich kann die Person später vor mir sehen und freue mich – und zwei Stunden später stelle ich fest: ›Ahhh, dass war doch der, der damals das gemacht hat.‹ Ich realisiere Sachen nicht in einem bestimmten Moment. Ich bin sehr langsam. Ich bin nicht berechnend, und ich behalte generell kein schlechtes Gefühl.
Aber bist du nicht manchmal wütend auf jemanden und hast das Bedürfnis, die Person schlagen zu wollen?
Meinst du richtig mit einem Kampf?
Ja, warum nicht. Ich meine, wenn du richtig, richtig böse auf eine Person bist?
Als ich klein war, ja. Aber heute eigentlich nicht.
Wovor hast du Angst?
Ich habe Angst vor dem Tod. Vor meinem Unfall dachte ich, der Tod ist schon okay, und er könnte eine Erleichterung sein. Ich hatte keine Angst davor. Aber nach dem Unfall hätte ich sterben können, und da habe ich wirklich Panik bekommen. Ich hatte richtig Angst. Ich war nicht darauf vorbereitet, zu sterben. Ich habe auch Angst davor, dass andere sterben. Besonders Leute aus meiner Familie, die mir nahe stehen.
Glaubst du denn an den Himmel oder die Hölle? An Gott oder den Teufel?
Nein, ich bin auf dem Boden der Tatsachen. Ich bin nicht religiös aufgewachsen. Mein Vater war Jude und meine Mutter Protestantin. Ich hatte eine religiöse Phase in meiner Jugend und war fasziniert von den jüdischen Traditionen. Aber als mein Vater gestorben ist, hatte ich nichts mehr, an das ich glauben konnte. Ich konnte mich nicht in Theorien flüchten.
Würdest du lieber einfach nur sterben oder als Tier wiedergeboren werden?
Ich möchte kein Tier sein. Ich glaube eigentlich an nichts. Ich wünschte, ich würde an etwas glauben, weil es das Leben einfacher macht. Aber ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod.
Lars von Trier verpflichtete Charlotte Gainsbourg auch für seinen nächsten Film. Neben Kirsten Dunst, Kiefer Sutherland, Udo Kier und Charlotte Rampling spielt sie in dem Science Fiction-Katastrophenfilm »Melancholia«. Die Dreharbeiten beginnen im Juli in Südschweden. Die Single ›Heaven can wait‹ aus dem aktuellen Album »IRM« ist gerade bei Warner Music erschienen.
Aktuelle Tourdaten
14.06.2010 Caen
15.06.2010 Clermont Ferrand
16.06.2010 Paris
20.06.2010 Euralille

