Charlotte Gainsbourg: A Ballad of Intimacy

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Mit verknoteten Beinen sitzt sie nachdenklich auf dem Sofa. Der Kopf gesenkt, die Haare wild zerzaust. Unter dem dunkelbraunen Pony blitzen tiefbraune Augen hervor.

Als wir Charlotte Gainsbourg an einem Dienstagmorgen in einem Hotel in Berlin treffen, sieht sie so aus, als ob sie gerade aufgestanden sei. Die Schauspielerin und Musikerin wirkt zerbrechlich, und schüchtern. So, wie ein kleiner, junger Vogel, der gerade aus dem Nest gefallen ist. Nicht wie ein Star, der sich auf den internationalen roten Teppichen bewegt und Leute wie Nicolas Godin von der Band Air zu seinen engsten Freunden zählt. Die Französin wurde mit einer Geschichte geboren. Als Kind von Jane Birkin und Serge Gainsbourg lastete bereits bei ihrer Geburt ein hoher Erwartungsdruck auf ihr. Was würde einmal aus ihr werden, der Tochter zweier Legenden?

Charlotte wählte den unbequemen Weg: Mit ihren Filmen und ihrer Musik brach sie gesellschaftliche Tabus und schnitt Themen am Rand der Gesellschaft an. Sie strebte nach Entgrenzung und extremen Erfahrungen und fand diese. Nicht zuletzt mit dem Film »Antichrist« von Lars von Trier sorgte sie mit expliziten Nacktszenen für Aufregung. Auch mit ihrem letzten Album IRM, das sie zusammen mit Beck aufnahm, hat sie bewiesen, dass sie ihre innersten Gefühle nachhaltig auszudrücken vermag. Damit folgt sie der extremen Familientradition der Pop-Provokation – und ist doch anders. Sie ist Charlotte. Sanft, intensiv und zerstreut. Im Interview erzählt sie von ihrer Selbstfindung und davon, dass sie ihre Familie vermisst und Angst vor dem Tod hat. Sie schafft es, eine derartige Nähe herzustellen, dass bei ihrem Gegenüber eine Gänsehaut entsteht. Mit überraschend ehrlichen Worten schafft sie Intimität und Exklusivität. Keine Frage, Charlotte hinterlässt einen bleibenden Eindruck; und ist damit eine mehr als würdige Repräsentantin des Birkin-Gainsbourg Erbes.

QVEST: Deine letzte Platte IRM hat tiefe Einblicke in die Gedankenwelt von Charlotte Gainsbourg gegeben. Seitdem ist ein bisschen Zeit vergangen. Wie sieht es heute im Inneren von Charlotte aus?

Charlotte Gainsbourg: Heute? Also, jetzt, in diesem Moment? Um ehrlich zu sein, bin ich gerade ein wenig panisch, weil ich weiß, dass ich in nächster Zeit viele Termine wahrnehmen muss und wenig Zeit für meine Familie haben werde. Ich habe sie gesehen, aber meistens nur dann, wenn ich auch arbeiten musste. Das zählt für mich nicht. Seit Ewigkeiten habe ich keinen einzigen Tag gehabt, an dem ich einfach mal »nichts« gemacht habe. In den vergangen Monaten musste ich zum Beispiel mit meiner Band für die Tour proben, und parallel dazu stand die Promotion für die nächsten Filme an. Ich habe meine Familie früher immer an erste Stelle gesetzt, vor allem anderen. Aber heute schaue ich in meinen Kalender und denke: »Ich schaffe das alles nicht.« Ich weiß manchmal nicht, wo das Limit ist. Man könnte denken, dass ich so glücklich bin. Ich meine, mir würde es nicht gefallen, in einem Büro zu sitzen. Immer am selben Platz, und alles wäre gleich. Ich liebe meine Arbeit. Aber du weißt manchmal nicht, wo du stehst. Viele Leute helfen mir, meine Projekte zu promoten,und das ist großartig. Aber es ist wichtig, die Balance nicht aus dem Auge zu verlieren – und gerade habe ich das Gefühl, diese Balance verloren zu haben.

Wann hast du das letzte Mal mit deiner Familie gesprochen?

Gestern.

Was haben sie gesagt? Geht es ihnen gut?

Ja, ihnen geht es gut. Ich organisiere gerade eine Geburtstagsfeier für Samstag und es dreht sich alles nur darum… Das ist sicher eine ganz andere Welt, als die des Films und der Musik. Natürlich – das ist meine Familie. Das, was jeder hat oder haben sollte, und für das ich lebe. Es gibt nichts Wichtigeres. Die einzige Zeit, in der ich wirklich atmen kann, ist dann, wenn ich bei meinen Lieben bin.

Habt ihr ein bestimmtes Familienritual? Liest du deinen Kindern zum Beispiel vor?

Das Schöne ist: Als ich ein Kind war, hat mir meine Mutter das Buch »Wo die wilden Kerle wohnen« vorgelesen. Ich habe das wiederum meinem Sohn und meiner Tochter vorgelesen, und vor kurzem ist ja der Film von Spike Jonze herausgekommen. Dabei habe ich die Stimme für eines der Monster gesprochen. Der Film ist unglaublich. Ich liebe diesen Film, denn ich verbinde mit der Geschichte sehr viele schöne Erinnerungen.

Was sagen deine Kinder dazu? Sind sie dann stolz auf Mama?

Ich glaube, es interessiert sie eigentlich nicht wirklich. Das Beste war, dass ich mit meiner Tochter den Film gemeinsam sehen konnte, bevor er in die Kinos kam. Das war natürlich ein großes Privileg. Aber mal ehrlich: Was ich genau tue, ist ihnen scheißegal. Letztlich ist das auch gut, denn es holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Das ist sehr wichtig. Meine Kinder sind nicht stolz oder unstolz. Sie haben ihr Leben.

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