Serge Lutens: Der Antiparfumeur

Was treibt Sie an? Ist es die Jagd nach dem ultimativ neuen, dem noch nie dagewesenen Duft…?

Mein Ziel ist es, den Duft des Augenblicks zu finden, der genau das nachzeichnet, umreißt oder festschreibt, was ich mit ihm ausdrücken möchte. Da stoße ich allerdings an Grenzen. Wie Fotografie und Make-up in der Vergangenheitreichen Düfte als Ausdrucksmittel vielleicht bald nicht mehr aus. Ich werde wohl etwas Anderes finden müssen, um mein Anliegen adäquat ausdrücken zu können.

Wenn Sie ein Parfum an Ihrem Gegenüber erschnuppern: Regt sich da sofort der Experte oder können Sie noch unbefangen riechen?

Sofern ein Duft zur Person passt, das heißt, mit der Kleidung, der Ausstrahlung und dem Gebaren ein stimmiges Gesamtbild bildet, nehme ich ihn als angenehm war. Doch wenn ich erkenne, dass mir ein wandelndes Markengroupie gegenübersteht, was sich vom Kleid, über die Tasche bis hin zum Parfum zieht, dann reagiere ich sehr empfindlich. Es gibt keine offiziellen Regeln, ein Duft ist immer sehr individuell. Aber wie bei der Kleidung gilt: Wenn die Person »verkleidet« wirkt, dann ist der Duft schlicht falsch.

Machen wir die Probe aufs Exempel: Passt mein Parfum zu mir?

(M. Lutens springt auf und schnuppert an meinem Hals) Sehr pfeffrig, dazu ein intensives Aroma von Rosen und ein deutliche Moschus-Akkord. Ich finde, es passt hervorragend zu Ihnen. Was ist das für ein Duft? Ist er von mir?

Nein, er stammt von Montale, einer kleinen Parfum-Manufaktur aus Paris.

Ich kenne Montale: Ein großartiges Haus, das noch wahres Handwerk ausübt. Leider gibt es nicht mehr viele von diesen Repräsentanten der Haute Parfumerie.

Wird die wahre Parfumeurs-Kunst überhaupt noch gewürdigt, wo heute jeder Filmstar und Semi-Prominente mit einem eigenen Duft aufwartet?

Ich denke, sie stellen einfach ihren Namen zur Verfügung und bringen sich nur minimal selbst ein, indem sie vielleicht mal zwischen zwei Filmdrehs ein bisschen schnuppern und einen Flakon akzeptieren, der nicht allzu peinlich für sie ist. Ansonsten haben sie nichts damit zu tun, die Ärmsten! Auch hier gilt: Kostbarkeiten sind für wertvolle Menschen, und Tiefen für Menschen mit Tiefgang; von nichts kommt nichts.

Hat die Haute Parfumerie, wie Sie und Jean-Claude Ellena sie ausüben, überhaupt noch Zukunft?

Auch wenn die großen Konzerne alles übernehmen, und wie in der Politik und Gesellschaft alles zum Einheitsbrei verkommt: Es wird immer Menschen geben, die sensibler, aufmerksamer sind, und das Besondere zu schätzen wissen. Und für diese Menschen mache ich meinen Job gerne. Deshalb wird unsere Nische überleben.

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