Serge Lutens: Der Antiparfumeur

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Serge Lutens gilt als einer der größten Duft-Komponisten unserer Zeit. Doch der Meister ist unserer allerorten parfümierten Welt überdrüssig – und setzt mit seiner neuen Kreation L’Eau Serge Lutens auf die längst überfällige Zäsur. QVEST traf den Franzosen zu einem Gespräch über fehlgeleitete Sinne, wahren Luxus und falsche Parfumeure.

QVEST: Ihr neues Parfum riecht nicht sehr »Lutens-like«. Statt üppigen, sinnlichen Komponenten wartet ein purer, nach frischer Wäsche riechender Duft auf. Man hat den Eindruck, Sie wollten dem Beduftungswahn unserer Zeit bewusst etwas entgegensetzen?

SERGE LUTENS: Das ist richtig. L’Eau Serge Lutens markiert einen Bruch und ist das Ergebnis meiner lang gehegten Idee, ein »Anti-Parfum« zu kreieren. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Ich liebe Parfum, aber ich hasse die Ausmaße, die der Duft-Kult angenommen hat. Angetrieben von einer Branche, die nur noch diesen Gedanken des sich ständig gegenseitig überbieten Wollens, was permanente Lancierungen von neuen, so genannten »Parfums« zur Folge hat, kultiviert. Dies war genau der richtige Zeitpunkt, um etwas ganz Anderes zu machen. Keine Neuheit, die an die Stelle bestehender Düfte tritt, sondern etwas, das wieder Lust auf Duft macht. Und so entstand eine Kreation, die die Reinheit eines frisch gewaschenen weißen Hemds wiedergibt. Ein Duft, der ein Gefühl von Sauberkeit, Frische und Behaglichkeit vermittelt und von allem Überflüssigen befreit ist. Der an frische, sauerstoffreiche Bergluft erinnert.

Wie setzt man die Idee von frischer Bergluft olfaktorisch um?

Dahinter steckt eine sehr aufwändige Recherche, die mitunter viele Jahre dauern kann. Ich hatte die Idee für diesen Duft schon vor 15 Jahren, aber erst jetzt kann ich das Ergebnis meiner Bemühungen präsentieren. Stellen Sie sich die Kreation eines Dufts wie das Anfertigen einer Collage, eines Texts oder einer Partitur vor: Sie haben eine Idee, und dann suchen Sie nach den Worten, Noten, Symbolen und Versatzstücken, die Ihren Grundgedanken am besten wiedergeben. Dann müssen Sie diese Einzelelemente noch zu einem Ganzen zusammenfügen, bis alles passt und Ihrer Ausgangsidee entspricht. In meinem Fall ist es die Suche nach Ingredienzen, Arrangierens und Wieder-Verwerfens unterzogen werden. Leider gibt es dafür kein Rezept, also nichts à la: Man nehme ein wenig von Essenz A, füge dann 2ml von Essenz B dazu und runde es mit Essenz C ab. Es ist vielmehr die Suche nach bekannten und unbekannten Inhaltsstoffen, die passen könnten. Ich bin kein klassischer Parfumeur, eher ein Rechercheur, der seine Idee umzusetzen versucht.

Welche Inhaltsstoffe führen denn zu einem frischen, puren Duft?

Außer Essenzen aus Zitrusfrüchten sind das zum Beispiel die Blätter weißer Blüten wie Magnolien und Freesien.

Früher, als es noch kein fließendes Wasser, geschweige denn Toiletten gab, sollten Parfums schlechte Gerüche übertünchen. Hat sich das wirklich geändert?

Nein, Düfte werden noch immer dazu verwendet, alles abzudecken und gleichsam zu ersticken. Und glauben Sie mir, wenn diese Decke einstürzt, werden wir regelrecht erschlagen. Wir haben vergessen, dass der wahre Luxus in der Reinheit besteht, nicht in der Parfümierung. Reinheit ist der Ausgangspunkt von Luxus – genau zu diesem Ansatz müssen wir wieder hin.

Paradoxerweise versucht die Industrie, uns ein Gefühl von Frische und Reinheit zu suggerieren, indem alles parfümiert wird: Autos haben Beduftungsanlagen, Geschäfte parfümieren ihre Räume und Produkte, es gibt Hundeparfums, Duftpatronen für Staubsauger und Kühlschränke und neuerdings sogar Aroma-DJs. Summa summarum: Es regiert der Duft-Overkill. Darf eigentlich nichts mehr authentisch, also»rein« nach sich selbst riechen?

Ich halte es in der Tat für ein großes Problem, dass nichts mehr ursprünglich und echt riechen darf. Da alles um uns herum parfümiert ist, haben wir verlernt, was Geruch eigentlich ist. Die Riechzellen erneuern sich alle 20 Tage, die Nase ist also eines unserer effizientesten, aber auch sensibelsten Sinnesorgane. Durch die vielen »falschen« Eindrücke wird der Geruchssinn jedoch fehlgeleitet, bis er komplett verwirrt, im schlimmsten Fall sogar völlig orientierungslos wird. Das beginnt ja heute schon bei Neugeborenen: Sie werden mit so vielen künstlichen Gerüchen konfrontiert, dass ihnen jeglicher Instinkt systematisch abtrainiert wird. Das ist gefährlich – denn der Geruchssinn warnt uns beispielsweise vor vielen Gefahren wie verdorbenen Lebensmitteln, Feuer oder ausströmendem Gas. Wird aber alles um uns herum verfälscht, können wir diese Gefahren irgendwann gar nicht mehr erkennen und einschätzen.

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