Die Microcassette von Michael Stipe

Das nicht aussterben wollende Klischee, in München habe man mehr Geld als Geschmack, wird auch heute noch von den stadtbekannten Lodenlieseln und Goldknopf- Traudeln bestätigt. Tag für Tag reisen sie mit ihren Einkaufsporsches aus den Nobelvororten an, um ihre gediegen-teuren Outfits und ihre gebotoxte Haut über Münchens Markenfetischismus-Meile, die Maximilianstraße, spazieren zu führen. Seit einem knappen Jahr aber haben Hamburger, Berliner und Düsseldorfer Labelqueens mit und ohne Geschmack allen Grund, neidisch nach Bayern zu schielen – und zwar ausgerechnet auf jenes Schandpflaster weißblauer Dekadenz: die Maximilianstraße. In Hausnummer 34 eröffnete während der Werkschau im Haus der Kunst vor rund einem Jahr der einzige deutschlandweite Store von Maison Martin Margiela. Ein schmaler Eingang mit einer schmalen Treppe, die steil in den Untergrund führt. Kein Name, kein Schaufenster. Liebevoll wurde dafür gesorgt, dass Lodenlieseln und Goldknopf-Traudeln den Laden garantiert übersehen. Zum Glück weiß ich um sein Geheimnis und besuche ihn hin und wieder, um mir von Verkäuferin Steffie Margielas Dekonstruktions-Prinzip anhand der die Grenzen des Tragbaren sprengenden Kollektionen demonstrieren zu lassen. Geldbörsen, die aussehen wie Briefumschläge. Trenchcoats mit aufgedruckten Regentropfen. Gürtel, an denen Papierfetzen kleben. Shirts, die mittels offener Nähte auf ihre Anfertigung verweisen. Eventuell ließe sich ein solch kühnes Teil auch selbst basteln, indem man die Avantgarde einfach per Nagelschere hineinschneidet. Gar nicht selbst machen – es sei denn, man ist Goldschmied oder Rockstar – lässt sich ein brandneues Glanzstück der aktuellen Kollektion: eine Audiokassette aus Sterling- Silber, entworfen von REM-Sänger Michael Stipe. Der Musiker, selbst großer Verehrer der Kreationen aus dem Hause Margiela, setzt der von der Evolution verdrängten Kassette so ein Monument für die Ewigkeit. Im Lieferumfang: ein handgemachtes, signiertes und nummeriertes Notizbuch mit einer Ausstanzung, in welche das Schmuckstück eingebettet wurde. Das Tolle an dem Silberklotz ist, wie ein Flyer verdeutlicht, seine vielfältige Nutzbarkeit als Halsketten-Anhänger, Schlüsselanhänger, Gürtelschnalle, Lesezeichen, Ring, Armband, Schuhkappe, Kunstobjekt. Oder  – laut Stipes Erläuterung – als Beleg für die Obsoleszenz einst revolutionär erschienener Errungenschaften der Technik. Für 350 Euro ist der Alleskönner geradezu ein Schnäppchen, bedenkt man zudem seine Limitierung auf 199 Stück. Wer also glaubt, dass er dieses Objekt zwischen Kunst, Kitsch und Comedy dringendst braucht, sollte sich schleunigst nach München in die Maximilianstraße begeben. Denn eines steht fest: Die Michael-Stipe-Microcassette wird genau so schnell verschwunden sein wie Martin Margiela selbst. Der hat nämlich Ende vergangenen Jahres den letzten Schrei beim eigenen Maison getan und sich vom Acker gemacht, nachdem er sein Label an Diesel verkauft hatte. Wobei Insider ja spekulieren, dass es den Designer Margiela – der sich nie in der Öffentlichkeit zeigt – sowieso niemals gegeben hat. Solange die Lodenlieseln und Goldknopf- Traudeln dem Store fernbleiben, soll mich das allerdings nicht stören.

Michael Prenner arbeitet als freier Kulturredakteur bei QVEST: Und seinen CD-Rezensionen sind wir alle hörig …

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