Das book 1/1 von Fiona Banner
Zeitgenössische Kunst ist verkopft, unansehnlich und teuer. Drei Vorurteile, die man getrost vergessen kann. Sie treffen häufig eher auf die Besucher von Kunstmessen zu als auf die Kunst selbst. Gute Kunst muss nicht teuer und kann rasend spannend sein. Eine Edition steht im Kunstmarkt für ein in limitierter Auflage reproduziertes Werk, im Gegensatz zu einem Unikat. Eine ISBN-Nummer steht im internationalen Warenverkehr für eine in hoher Auflage produzierte, identische Publikation. Die Arbeit »Book 1/1« der britischen Künstlerin Fiona Banner (nominiert für den Turner Prize 2002) ist nichts davon – oder alles zugleich. Obwohl ein Druck in Form eines Plakats handelt es sich, da mit einer ISBN-Nummer versehen, eigentlich um eine Buch-Publikation. Und obwohl eine Edition in 65er-Auflage, handelt es sich dennoch bei jedem Exemplar um ein Unikat. Warum? Weil jedes Plakat seine ganz eigene, übrigens offiziell zugeteilte ISBN-Nummer zeigt. Diese Arbeit wirkt nicht nur optisch. Sie verwirrt, sie fragt. Was braucht ein Buch, um ein Buch zu sein? Reicht in unserer über-ökonomisierten und über-katalogisierten Gesellschaft womöglich schon eine bloße ISBN-Nummer? Und dominiert der Akt des Publizierens heute nicht schon oft den tatsächlichen Inhalt? Wie viele Bücher kaufen wir uns und wie viele lesen wir dann wirklich? Dieses seltsame »Buch« jedenfalls lässt sich schnell zu Ende lesen. Zwei bis drei Sekunden dürften ausreichend sein. Auch das schon wieder ein interessantes Statement … »Book 1/1« reiht sich nahtlos in die Arbeiten von Fiona Banner ein, die sich mit Sprache und der Verwandlung von Bildern in Texte befassen. Banner hat Kriegsfilme und Pornos vertextlicht, also quasi nochmals abgeschrieben. Sie hat weibliche Modelle nicht als Akte gemalt, sondern als Akte beschrieben. Mit rohen, lauten Sätzen und Wörtern, in Tusche auf Papier und Leinwand. Dafür muss man allerdings etwas tiefer in die Tasche greifen. »Book 1/1« ist also ein guter Einstieg, entweder in das Kunstsammeln an sich, oder in das Universum von Fiona Banner.
Christian Schwarm ist passionierter Sammler zeitgenössischer Kunst. Für sich und seine Sammlerkollegen auf der ganzen Welt hat er die Online-Plattform Independent Collectors ins Leben gerufen. independent-collectors.com

