die l’instant magic von Guerlain

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Es war noch in der ersten Hälfte unseres Berlinjahrs, als wir einmal am Ku’damm ein bisschen Zeit totschlagen mussten. Wir einigten uns auf »Schnuppern im KDW«. Hier konnte man relativ unbehelligt Parfums testen, die anderswo von stark geschminkten Glastürsteherinnen nur auf Anfrage herausgereicht wurden. Mein Mann steuerte zielstrebig die »Guerlain-Welt« an. Wahrscheinlich, um mir wieder mal sein geliebtes Shalimar unter die Nase zu reiben. Keine Ahnung, welche nach überreifer Ananas riechende Französin ihn in seiner Jugend mit diesem Duft die Sinne geraubt hat. Besonders den Geschmackssinn! Doch es kam anders. Er verfiel einem Herrenparfum mit dem archaischen Namen »Mouchoir de Monsieur«. »Geil!«, meinte er. »Mouchoir heißt doch Taschentuch!« Ich hätte gedacht, Mouchoir hieße wenigstens Schnurrbart. Aber das war wohl der Moustache. Mein Französisch reichte einfach nicht für die Guerlain-Welt. Und darum versuche ich auch gar nicht erst, mein neues Lieblingsparfum zu übersetzen. Es hieß etwas mit Magic und Instant. Ein magisches Parfum, das sprachlich in der Tütensuppenwelt angesiedelt wurde? Egal! Es ging ums Schnüffeln. Und dieses Parfum schnüffelte sich so gut an wie lange keins mehr! Es hatte alle Eigenschaften, die ich immer schon haben wollte: Nicht streitbar und überkandidelt, aber auch nicht langweilig oder gar gewöhnlich. Nicht streng, aber auch nicht einfach nur lieblich. Nicht tantenhaft, aber auch nicht mädchenhaft oder gar männlich. Es war das leckerste Paradox, an dem Ich je gerochen hatte. Wie berauscht klebte ich mit der Nase an meinem Puls und sog und sog. Ich übersah sogar die inzwischen herbeigeeilte Parfümeuse, überhörte ihr auswendig gelerntes Streberwissen über Bouquets und Duftbausteine, über Kopf-, Herz- und Basisnoten. Wir kauften weder das Herrentaschentuch noch die magische Instant-Suppe. Zeittotschlagen in Berlin durfte nicht auch noch etwas kosten. Neu sein in Berlin war teuer genug. Es waren inzwischen Monate vergangen, seit unserem KDW Besuch. Ich hatte gedankenlos mein »Gucci Rush« aufgebraucht, bis ich eines Abends, über einem interaktiven Fragebogen sitzend, auf die Frage »Was wünschst du dir für die nächste Woche« stieß. Gute Frage! Da war doch diese magische Suppe aus dem KDW. Wie hieß sie noch gleich? Kaum war ich mit dem seltsamen Fragebogen fertig, öffnete sich die Haustür. Mein Mann war nach der Arbeit noch schnell ein Geburtstagsgeschenk für seine Mutter besorgen gegangen. Es gab eigentlich keinen Grund, auch mir etwas mitzubringen. Vielleicht hatte er ein schlechtes Gewissen, soviel Geld in eine Frau aus seiner Jugend investiert zu haben. »Hier, für dich«, sagte er lapidar und stellte eine Hochglanzpapier-Tüte auf den Tisch. »Erinnerst du dich?« Ich bekam eine Gänsehaut und traute mich kaum, die Tüte zu öffnen. Immerhin hätte es ja auch ein Duschgel sein können. War es aber nicht. Es war »L’Instant Magic«, das laut meinem Mann, dem besseren Franzosen von uns beiden, »Der magische Moment« heißt.

ANJA FRÖHLICH ist Schriftstellerin und Jugendbuchautorin. Wenn sie sich nicht eine einjährige Auszeit in Berlin nimmt, arbeitet sie an ihrem zweiten Roman für Kiepenheuer & Witsch.

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