die Kastanie

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Sie werden es vielleicht kaum glauben, dass ich als Designer über ein Naturprodukt schreibe, aber, was zunächst die Funktion angeht, ist der Kastanienbaum für mich schlicht der Inbegriff der Jahreszeitenuhr. Dieser Baum ist der schönste und fleißigste, was seine Produktion angeht. Wenn er gegen Winter seine Blätter abwirft, die dann den Rollrampen zum Opfer fallen, macht er sich schon wenig später wieder daran, die ersten Knospen zu treiben, gefolgt von Blüten, Blättern und schließlich den Kastanien selbst, die sie im Sommer austreibt und im Herbst auf den Boden ploppen lässt. Deshalb ist die Kastanie das ganze Jahr über zu beobachten. Nun aber zum Produktdesign: die Kastanie als Frucht. Es gibt doch kaum eine schönere, sanftere Form als die Kastanie. Die Natur kennt keine Kanten, aber die Kastanie ist gleich mehrfach rund, niemals kugelig. Dadurch entsteht eine Symbiose weicher Formen. Außerdem sage ich Ihnen eines voraus: Die Kastanie hat die kommende Trendfarbe Braun, wie sie sich im Küchen-, Bad- und Autodesign abzeichnet, eben längst vorweggenommen. Wenn sie nicht sogar ihr Haupteinfluss war. Sie wird diejenige Farbe, welche, ganz klar. Vor allem in ihrer zarten, glatten, glänzenden Oberflächenbeschaffenheit die selbstverständlich erotische Impulse auslöst, und da habe ic noch gar nicht von den beigen runden Flecken angefangen… Zur Haptik ist zu sagen, dass ihre traditionelle Funktion als Handschmeichler nicht zu unterschätzen sein sollte. In die Tasche gesteckt und zwei Stunden geschmeichelt, ersetzt sie Rosenkranz und jeden komischen Flummi aus der Industriewelt. Deshalb ist die Kastanie mein Lieblings-Accessoire, das es mit der Armbanduhr oder dem Taschentuch ohne Weiteres aufnehmen kann. Zum Schluss bitte ich um zwei Gefallen, da ich wirklich nicht alle Kastanien, so schön sie sind, aufheben und mitnehmen kann: Stecken Sie sich eine in die Tasche und werfen sie alle anderen ins Gebüsch, damit sie nicht Opfer von Autoreifen werden.

JOCHEN SCHMIDDEM ist Industriedesigner und lebt in Berlin. Wenn seine spektakuläre freistehende Dusche nicht Opfer des Schnitts geworden wäre, hätte sie eine tragende Rolle in »Minority Report« eingenommen. So ist Schmiddem auf dem Boden geblieben, streicht seine Wohnung selbst und erfindet dabei eine Vorrichtung, die den Pinsel davor bewahrt, vom Dosenrand zu fallen. www.schmiddem-design.de

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