Der letzte NewRomantic

Dass Wolf neben all den männlichen Pop-Diven der Achtziger auch in angewandtem Drama-Queenism bestehen kann, hat er durch seine eindrucksvoll-eruptive Performance auf dem »c/o pop«-Festival in Köln bewiesen: Weil er sein Set unvermittelt früh beenden musste, warf er vor staunendem Publikum mit dem Bühnenequipment um sich. Auch im Umgang mit der Presse umgibt ihn der Ruf einer Zicke im Wolfspelz. Vor Interviews wird freundlich auf den Ausschluss bestimmter Themen hingewiesen, die den Jungstar verärgern könnten: Beziehungen und Sex (»That’s private«) sind so tabu wie Oscar-Preisträgerin und Ex-Derek-Jarman-Muse Tilda Swinton (sie wirkte auf dem neuen Album mit), ebenso wenig erlaubt ist es, den »Madonna-Incident« zu erwähnen (angeblich wurden Wolf und sein Partner wegen eines Kusses beim Konzert von Security-Leuten verprügelt). Kennt man seinen Background, kann man ihm die Marotten verzeihen: Bereits in seiner Jugend wurde Wolf aufs Diventum kapriziert. Als frühreifer, zwölfjähriger Bohemien gelingt es ihm, in den avantgardistischen Kreis um Minty vorzudringen, der Band des verstorbenen Avantgarde-Künstlers Leigh Bowery. Zwecks Herstellung eines Erstkontaktes schreibt er ihnen, er sei ein 45-jähriger Mann, gefangen im Körper eines Zwölfjährigen. Später spielt er auf Mintys Album und Abschiedskonzert. »Ich wollte sie nur interviewen, aber wir haben uns ineinander verliebt – und ich wurde quasi von ihnen adoptiert. Es ist ein Segen, dass ich von diesen fantastischen Menschen lernen durfte. Andere gehen auf die Schauspielschule – aber ich habe von einem extremen Performance-Art-Background profitiert.« Bowery und seine Gefährten inszenierten sich als lebende Objekte innerhalb eines breiten Spektrums extremer Darbietungen, darunter das Live-Gebären in außerirdisch anmutenden Drag-Outfits auf der Bühne. Patrick Wolf, von der exotischen Kunst-Szene fasziniert, stürzt als Teenager in London ab. »Mit 13, 14 Jahren war ich jede Nacht mit den skurrilsten Gestalten, mit den radikalsten Drag Queens in Soho unterwegs. Zum Glück haben mich meine Eltern damals in den Griff bekommen und für ein Jahr aufs Land geschickt. Sonst wäre ich heute vermutlich nicht hier, um mein viertes Album zu präsentieren.«

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Ausgerechnet dieses Album, »The Bachelor«, ursprünglich als Doppelalbum mit dem Titel »Battle« geplant, erwuchs aus einer depressiven Phase des Künstlers. Seine alte Plattenfirma Universal hatte ihn rausgeworfen, er befand sich permanent auf Tour, die Zeichen standen unweigerlich auf Burn-out. »Auf diesem Album dreht sich alles ums Überleben in emotional schwierigen Zeiten. Mein Look ist besonders tough, meine Haarfarbe Platinblond. Das ist wie bei den Drag Queens: Die mit den meisten Federn sind die härtesten Fighter!«, erklärt Wolf das Konzept von »The Bachelor«. Doch schließlich kam es zu einem Twist, wie ihn gewöhnlich nur Pilcher-Romane erlauben: Wolf lernt die Liebe seines Lebens kennen, sein musikalisches Grundkonzept dreht sich um 180 Grad. Seitdem überarbeitet er immer wieder das für 2010 geplante Nachfolgealbum »The Conqueror«, um es in eine Projektionsfläche für seine glückliche Beziehung zu konvertieren. Für ihn steht fest: Das kommende Album wird seine Heilung nach dem mitunter düsteren »The Bachelor« belegen.

Pop bietet für Patrick Wolf ein Vehikel, seine Persönlichkeit nicht nur in Klänge, sondern auch in flamboyante Outfits zu verpacken. Dass diese hauptsächlich Geschmacksminderheiten ansprechen, ist egal und zudem Früh-Achtziger-Blitz-Kid-Attitüde. In »Prince Charming« von Adam and the Ants heisst es ja auch: »Ridicule is nothing to be scared of.«

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