Der letzte NewRomantic
Damals, vor fast drei popkulturellen Jahrzehnten, verhalfen uns die Charts noch zur Illusion einer glamouröseren Welt: Junge, androgyne Sänger trugen nicht nur Lippenstift und Kajal, sondern auch die entscheidenden Parameter einer neuen, vielversprechenden Bewegung in unsere Haushalte. Im Speedrausch taumelten sie sowohl aus Steve Stranges Londoner Club »Blitz« als auch aus den Kellerlöchern der britischen Provinz. Ihr so innovativer wie alberner Look wurde zunächst als »New Romantic« kategorisiert und schöpfte aus allen Epochen, vom viktorianischen England bis zum Glam Rock der Siebziger. Gestalten wie Boy George, Marc Almond oder Adam Ant gelang es während der Blütezeit des British Pop von 1980–1984, einen neuen futuristischen Stern im sterbenden Post-Punk-Universum zum Funkeln zu bringen. Dass dieser Stern nach 84 rapide erlosch, ist Geschichte. Dass ihn nun ein junger britischer Exzentriker mit ausgeprägtem Geschichtsbewusstsein wieder erglühen lässt, weist in eine erfreuliche Zukunft: Patrick Wolf hätte sich neben all den männlichen Pop-Diven mühelos einen Platz in den Top 10 erobert. Konnte er aber nicht. Denn im Sommer 1983, als Culture Club mit ihrem größten Hit „Karma Chameleon“ sechs Wochen an der Spitze der britischen Charts thronten, wurde Patrick Wolf als Patrick Denis Apps gerade erst geboren. Der Künstler selbst hingegen hält nichts von freiwilliger Selbstbeschränkung, sieht sich in der Tradition zeitloser Performer wie David Bowie oder Kate Bush sowie der Entertainer der zwanziger Jahre. »Ich verstehe diese Fixierung der Musikpresse auf die Achtziger nicht. Wenn man wie ich 1983 geboren wurde, weiß man um das Deprimierende dieses Jahrzehnts in England«, beteuert er im Interview. Mit Marc Almond ist er trotzdem gut befreundet, die beiden werden sogar gemeinsam Konzerte geben. Und auch seine aktuelle Lektüre weist in die Zeit, als Pop noch Look war: »Freak Unique«, die Autobiografie von Achtziger-One-Hit-Wonder Pete Burns, dem Sänger der Band Dead Or Alive.

Heute, mit 26, hat Wolf bereits vier die Musikgeschichte kanonisierende Alben veröffentlicht. Sein Sound-Universum blickt jedoch nie zurück: Patrick Wolfs Entwurf von Pop ist weder Retro noch Abziehbild der New-Romantic-Ära, sondern steht für deren konsequente Weiterentwicklung ins Jetzt. Auf seinem neuen Album „The Bachelor“ entfacht er ein Soundgewitter aus sperrigem Folk, orchestralen Bombast, pathetischen Chören, exzellentem Songwritertum und Laptopfrickelei. »Ich betrachte das nicht als Laptop-Sound. Elektrizität als eine der Kräfte der Natur wurde ja auch nicht erst vor hundert Jahren erfunden.«, sagt Wolf. Dass traditionelle Instrumente wie die Ukulele auf stakkatoartige Breakbeats treffen, wirkt nicht kalkuliert. Im Gegenteil, es entstehen funktionierende Popsongs, die so opulent arrangiert sind wie Wolf selbst. Was bedeutet: Gegen den extravaganten Bekleidungsfundus des jungen Exzentrikers wirken Lady Gagas Bühnenfummel wie von der Stange. Für jedes seiner Alben arbeitet er mit anderen Designern, die ihm den jeweils aktuellen Sound in die Outfits nähen. »Stil und Mode haben nichts mit Eitelkeit, sondern mit Kreativität zu tun. Ich schleppe während jeder Tour fünf Koffer voller Klamotten mit. Darin befinden sich Kostüme aus Materialien wie Metall, Segeltuch oder Holz«, erklärt Wolf. Pro Performance zieht er sich bis zu neunmal um. Vom Dandy im schwarzen Smoking mit Rüschenhemd und Reiterstiefeln mutiert er zum Kitsch-Römer in goldener Toga auf goldbesprühter Haut – bis er als Zugabe alles bis auf einen schwarzen Lederslip ablegt. Ein perfekter Entertainer, der das weibliche Publikum mit Handküssen betört wie einst Rex Gildo zu ZDF-Hitparaden-Zeiten. »Daheim trage ich nur Vivienne-Westwood-Sachen, die ich im Laufe der letzten Jahre zusammengeklaut und ausgeliehen habe. Während der Tour aber brauche ich Kostüme, die mir Kraft und Selbstbewusstsein geben, ähnlich wie eine Kriegsuniform. Zurzeit performe ich in den Kreationen der Designerin Ada Zanditon. Jeden Zentimeter meines Körpers verwandelt sie in etwas Fantastisches.« Was bei 1,92 m Körpergröße besonders schwierig ist. »Ich habe enorm lange Beine und einen riesigen Willy – für mich ist es kaum möglich, stylische Kleidung im Laden zu kaufen. Im Flieger muss ich sogar eine so genannte ›Giant Card‹ vorweisen.«
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