DIE geschminkte WAHRHEIT
Wer sich die Frage stellt, ob Männer dekorative Kosmetik benutzen sollten, also beispielsweise Mascara, Selbstbräuner und Nagellack, muss in die nähere Vergangenheit schauen. Nicht gleich in das Barock, als sich kein feiner Mann ungepudert aus dem Boudoir gewagt hätte und auch nicht in die 20er Jahre, als Stummfilmstars wie Rudolph Valentino mit schwer geschminkten Augenlidern Herzen brachen. Sondern in das Jahr 1994. Damals wurde das Wort Metrosexualität von einem britischen Journalisten erfunden. Auch wenn das Konzept dazu heute angestaubt ist, sind die Nachwirkungen dieser Phase unapologetisch zur Schau getragener männlicher Eitelkeit noch zu spüren.

Angetrieben von der Begeisterung der Frauen dafür, dass sich die Mühen des Schönseins nun gleichmäßig auf beide Geschlechter zu verteilen schienen, benutzen viele Männer seit damals zum Beispiel Pflegecremes. Den dünnen Grad zur dekorativen Kosmetik, zum Schminken also, um es so deutlich wie bedrohlich auszudrücken, markierte die Selbstbräunungscreme. Sie wurde mit Nachdruck von der Kosmetikindustrie als karrierefördernd beworben, doch ihr damals noch unausgereifter, orangefarbener Effekt auf der Haut war den meisten Männern zu offensichtlich. Dekorative Kosmetik sollte auch damals möglichst wenig erkennbar sein.
So ist es beispielsweise keine schlechte Idee, vor einem Fernsehauftritt oder am Tag der eigenen Hochzeit sich den Glanz aus dem Gesicht zu pudern. Mehr allerdings wagt auch heute kaum jemand. Es heißt zwar, Männer hätten in den letzten Jahren ein entspanntes Verhältnis zur Kosmetik erlangt – mit smoky eyes gehen dennoch die wenigsten durch den Alltag. Alles, was über das Unsichtbare hinausgeht, führt in dieser harten Welt nämlich oft zu Spott. Warum eigentlich? An dem aggressiv offenen Bekenntnis zu extremer Eitelkeit kann es nicht liegen. Männer, die teure Anzüge und röhrende Sportwagen vorführen, werden ja auch nicht ausgelacht.
Es ist auch nicht grundsätzlich unmännlich, sein Gesicht genauerer Überprüfung auszusetzen. Wie permeabel die Grenze zwischen maskulinem und femininem Verhalten ist, zeigt schon ein Blick in die Einkaufszentren der Vorstadt. Dort ist es mittlerweile üblich, dass sich junge Männer die Augenbrauen zu schmalen Streifen zupfen. Die Vorstellung, dass ausgerechnet diese eher maskulin daher kommenden Jungs länger als ein paar Sekunden mit einer Pinzette vor dem Badezimmerspiegel operieren, lässt die Möglichkeit fast in greifbare Nähe rücken, dass sie demnächst Lippenstift und Nagellack entdecken.
Das Problem zwischen Männern und Kosmetik liegt in Wirklichkeit in einem Bedürfnis nach Authentizität. Bei Frauen spielt dieses Konzept keine große Rolle, ganz im Gegenteil. Wie jeder Schönheitschirurg weiß, ist Künstlichkeit bei ihnen sogar ein Faktor, der Attraktivität schafft. Für Männer gilt das absolute Gegenteil, wenn sie ihr Aussehen manipulieren. Selbst wer beispielsweise mit einer gewissen Verbissenheit Sport treibt und eine sehr muskulöse Figur hat, muss sich fast so energisch rechtfertigen wie jemand, der graue Haare wegfärbt. Dennoch: Wenn es darum geht, authentisch zu sein, dann gibt es natürlich auch Männer, die sich schminken können, ohne dafür verspottet zu werden – wenn es ihnen ein ehrliches Bedürfnis ist. Teenager mit komplizierten Frisuren sollten also weiter ihre Experimente mit dem vorantreiben, was man heute Guyliner nennt. Genau so wie Popstars und jeder andere Mann, dem wirklich danach ist.
