Das tenori-on von Yamaha

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Um auf Youtube ein wenig berühmt zu werden, setzte sich Victoria Hesketh vor ein paar Monaten regelmäßig in ihr abgedunkeltes, unaufgeräumtes Schlafzimmer, schaltete ihre Webcam an und drückte auf einem quadratischen, mit LEDs bestücktem Gadget herum. Es gab elektronische Töne von sich blinkte dabei sound-synchron. Victoria Heskeths von unten rhythmisch bis weihnachtlich beleuchtetes Gesicht ließ eine gewisse intellektuelle Anstrengung erkennen, was wohl mit der nicht ganz unkomplizierten Bedienung dieses neuartigen Musikinstruments zu tun hat. Dennoch bekam sie es irgendwie hin, mit ihrer für meinen Geschmack etwas zu schön geratenen Stimme den blubbrigen Sound des immer wilder blinkenden Geräts zu übersingen.

Zur Zeit macht Victoria Hesketh in England unter ihrem Künstlernamen Little Boots Furore mit Disco-Songs, die sich so anhören, als hätte sie Giorgio Moroder persönlich vor dreißig Jahren in seinem Münchener Tonstudio produziert. Und das blinkende Soundgadget, das sie auf Youtube bekannt machte, gehört zum festen Bestandteil ihrer Bühnenshows.

Tenori-on heißt es, das neue elektronische Instrument, das der japanische Medienkünstler Toshio Iwai in Zusammenarbeit mit Yamaha entwickelt hat. Es misst zwanzig mal zwanzig Zentimeter, besteht aus jeweils auf Vorder- und Rückseite angebrachten 256 Leuchtdioden und wird von einem Magnesiumrahmen umfasst, den man beidhändig wie ein Lenkrad vor sich hält. Drückt man auf eine der Dioden, leuchtet sie auf und es erklingt ein Ton. Komplexe Tonfolgen lassen sich einspeichern, programmieren und im Dauerloop abspielen, bis zu 16 Spuren können übereinander gelegt werden und erklingen dann gleichzeitig. Da jeder abgespielte Ton einer aufleuchtenden Diode zugeordnet ist, ergeben sich einzigartige Sound-Visualisierungen, die in Trance versetzen – oder in den Wahnsinn treiben.

Die Bedienung ist kinderleicht, verspricht der Hersteller. Und legt dem Tenori-on eine hundertzwanzigseitige Gebrauchsanleitung bei. Wer ehrgeizig ist und eine One-Hit-Wonder-Karriere in den britischen Charts anstrebt, sollte sie lesen – sonst gibt es nur schöne blinkende Bilder, zu denen es manchmal piept. Vorteile, die der Besitz eines Tenori-on mit sich bringt: Mütter und Freunde mit Öko-Vergangenheit halten es nach mehrmaliger Beschreibung noch immer für eine japanische Nudelsuppe. Man kann es nachts überall hin mitnehmen und lernt als Techno-Clown viele anstrengende Menschen kennen. Wenn man das Tenori-on im Vollsuff auf der Theke liegen lässt, kann man sicher sein, dass es nach drei Minuten für immer verschwunden bleibt und nie wieder auftaucht. Dann kann man sich für tausend Euro ein neues kaufen und in einer Fußgängerzone das Geld wieder einspielen.

Stephan Herczeg beliefert überregionale Tageszeitungen mit Pop-Beiträgen und Konzertberichten.

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