1959-2009 ZEITREISE

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photography ANJA FRERS
production+styling OLIVER RAUH
text JULIA STELZNER
models ANNE SOPHIE MOELLER & MARCUS SCHEUMANN

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SIXTIES

dress by HUGO
jacket by CHANEL
brooch TIFFANY & CO
watch »reverso duetto duo« by JAEGER LE COULTRE
ring by WEMPE
handbag »bolide« by HERMÈS
mini seven 2000 by MINI

1959 war ein gutes Jahr – vor allem für die Avantgarde: Mary Quant entwarf den Minirock und führte damit zu einer Selbstbestimmtheit in der Mode, die sich in den Folgejahrzehnten voll entwickeln sollte. Und Alec Issigonis konstruierte den Mini Classic, der wie sein textiler Namensvetter im Design revolutionär war und bis heute Symbolwert besitzt. Zeit für einen Rückblick auf das Wechselspiel von Mode und Mobilität.

Sicherlich gab es schon vor 1959 Mode-Epochen, die Großes hervorgebracht haben: die Goldenen Zwanziger, in denen eine stilsichere Elite mit wadenlangen Charlestonkleidern den Nachkriegsproblemen trotzte. Die mondänen Dreißiger Jahre mit Greta Garbo und Jean Harlow. Diven, die Hollywood und Babelsberg prägten so wie Coco Chanel und Elsa Schiaparelli die Couture. Die funktionalen Vierziger, in denen 1943 die VOGUE warnte: »Sie werden einfache Kleidung tragen, weil in diesen Zeiten alles Raffinierte albern aussieht.« In den fünfziger Jahren sorgten die Rockabillies zwar für etwas Wirbel, doch der Petticoat blieb bei aller Verspieltheit züchtig knielang.

Erst 1959 erfolgte ein echter Schnitt in der Geschichte der Frauenmode – bemessen an der Rocklänge. Die neue Beinfreiheit sollte laut Mary Quant in Zukunft mindestens 10 Zentimeter oberhalb des Knies enden. Die Modedesignerin, die in ihrem Laden »Bazaar« in dem Londoner Viertel Chelsea aus günstigen Stoffen und einfachen Schnittmustern kurze Kleider für moderne Britinnen schneiderte, ging als Ikone des Sixties-Chic in die Mode-Annalen ein. Auch wenn der Franzose André Courrèges in Paris zur gleichen Zeit noch kürzere Röcke schneiderte.

Es war das britische Model Jean Shrimpton (›The Shrimp‹), das den Mini-Rock in die Gesellschaft trug. Auf einem Gesellschaftsturnier in Melbourne erschien sie in einem weißen Mini-Rock. Dazu kombinierte sie statt des üblichen Hutes keine Strümpfe und keine Handschuhe, sondern lediglich eine Herrenuhr. Ein Skandal – und Anlass für Millionen Frauen, diesen Look zu kopieren.

Damit hatte sich die Mode in bis dahin unbekanntem Maße von den Normen der Gesellschaft emanzipiert. In Zeiten von Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung wurde das individuelle Aussehen liberalisiert: Bei den Männern wurden die Haare länger, bei den Frauen die Röcke kürzer.

Das Echo auf die progressive Rockmode war laut – und gespalten: Die einen feierten das neue selbstbewusste Frauenbild, die anderen empörten sich über ein mangelndes Schamgefühl. Auch die spätere VOGUE-Chefredakteurin Anna Wintour wurde als Schülerin des Unterrichts verwiesen, weil die Lehrer sich von ihrem knappen Rock provoziert fühlten. Als die britische VOGUE den Mini drei Jahre nach seinem Debüt abbildete und damit auf eine Weise legitimierte, avancierte das einst subversive Stück zum globalen Verkaufshit. 1966 verlieh die britische Queen Mary Quant (letztere natürlich im Minirock) den »Order of the British Empire« für ihre Verdienste in der britischen Modeindustrie.

Die Sechziger sind bekanntermaßen eine Zeit, in der modische Experimentierfreude spätere gesellschaftliche Emanzipationsbewegungen vorweg nahm. Mit Mary Quant, BiBA und Vidal Sassoon etablierte sich der Mod-Look des »Swinging London«. Junge Frauen trugen von der Geometrie inspirierte Minikleider und Röcke, André Courrèges trieb alles mit seinen futuristischen Kollektionen auf die Spitze.

Kein Wunder, dass sich der British Motor Corporation Mini Classic seit seiner Geburtsstunde 1959 nahtlos in dieses Zeitgefühl einfügte. Denn er prägte mit maximalem Innenraum bei minimalen Außenmaßen ein neues Stilempfinden in der Automobilindustrie. Gewiss gab es – wie in der Mode auch – andere beeindruckende Kleinwagen-Konzepte wie den BMW Isetta, den VW Käfer und später den Renault 5. Doch der Mini überdauerte sie alle, weil er sich in jeder Dekade als zeitgemäß bewies: das Auto als kleidendes Element sozusagen.

Modemacher wie Musiker waren angetan. Mary Quant bestellte sich selbst nach Erwerb des Führerscheins einen Mini Classic. Sie entwarf sogar eine eigene Variante mit schwarz-weiß gestreiften Sitzbezügen. Auch die Beatles kürten den Mini zu ihrem favorisierten Fortbewegungsmittel.

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2 Comments

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