Der neue nagellack von Chanel

Wenn ich an Jade denke, denke ich in mystischen Dimensionen. Ich denke an jahrhundertealte Tempel in Asien und den Jadekaiser. Ich erinnere mich aber genauso daran, wie ich mir vor vielen Jahren von meiner Großmutter beim Juwelier einen Jadestein schenken ließ, weil mir der Rosenquarz zu gewöhnlich erschien. In phonetischer Hinsicht ist Jade ebenfalls reine Poesie – gibt es doch keinen anderen Edelstein, dessen Name aus einer derart gleichmäßigen Abfolge von Konsonanten und Vokalen besteht. Keine Frage, dass Jade und das zart glänzende Kolorit in den schönsten Nuancen von Grün, Blau und Gelb für Grazie stehen. Und damit einen Modeherbst symbolisiert, der von Samt und Schimmer dominiert wird.
Schuld daran ist Karl Lagerfeld. Er schmückte seine viktorianisch anmutende Kollektion »Belle Brumell« für Herbst 2009 mit jadebesetzten Ringen, Knöpfen und Ketten und einem Nagellack in ebenjener Farbe. Diese entfaltete, kühl und deshalb umso verführerischer, neben den schwarz-weißen Looks ihre Wirkung. Die Resonanz auf die von dem Make-Up-Dramaturgen Peter Philipps entwickelte, blassgrüne Farbe war entsprechend ekstatisch. Deshalb ging der ursprünglich nur für die Show entwickelte Lack schließlich in Produktion und wird ab Ende Oktober limitiert erhältlich sein.
Ich gehe grün, Einwände lasse ich nicht gelten. Schließlich soll die Nagelfarbe die Kleidung reflektieren und nicht wie ehemals die Lippen. Und auch die Überlegung, ob man in diesen Tagen vielleicht sein Geld besser für ein Fünftel des Preises in einen ähnlichen Nagellack aus dem Drogeriemarkt investieren sollte, zieht nicht. Bei Chanels Le Vernis-Lacken hört das Sparen nämlich auf – die Nachahmer mischen zu viele Glitzerpartikel in ihren Lack.
JULIA STELZNER ist Werbetexterin, Autorin und schreibt einen Blog über Mode, Kultur und Politik. www.juliastelzner.de
