visuelle kommunikation in BERLIN, elektronische komposition in ESSEN

 

»Fashion-stylists, make-up-artists, photographers…. homos, bis and heteros waiting for their romeos backstage at my pornoshow«, so einer ihrer ersten Texte und wohl auch ihr einziger englischer. Homosexuell? Ein Paar vielleicht sogar? »Weder noch. Obwohl uns viele dafür halten.« Auch das bloß ein Flirt mit einer Möglichkeit, einer der ungezählten heute.

In Zeiten neoromantischer Verspieltheit in der Musik und Selbstinszenierung aktueller Acts frönen Schwefelgelb einem raren Purismus, der höchstens in ihrer Performance ab und zu in einer Intensität an der Grenze zur Reizüberflutung kulminieren darf. Jetzt, da viele zur Natur zurück wollen, zeugen ihre Ästhetik und ihre Texte von einer auffallenden Faszination für Industrielles, kreisen um harte, maschinenverarbeitete oder nur unter Raubbau zu fördernde Materialien wie Leder, Eisen, Diamanten. Passend zweifellos zu ihren abgehackten Parolen. Dass sie deswegen Musik für Jungs machen würden, lehnen sie glatt ab: »Auf unseren Konzerten stehen mindestens genauso viele Mädchen.« 

»Unsere Texte werden sowieso weitgehend mißverstanden. Die einen glauben, sie bedeuten gar nichts, die anderen nehmen sie zu wörtlich. Dass da immer Ironie drin steckt, eine Ambiguität, auch in unseren Auftritten mit den verkleideten Tänzern, dass wir versuchen, zu zeigen, dass in allem Schlechten etwas Gutes liegt, verstehen die meisten erst gar nicht.« Nur eine Frage der Interpretation also, was man in ihrem Stück »Unter deiner Haut« erkennen will, in dem in einem vermeintlich toten Körper ein Juwel gesucht wird. Von dem Ausflug ins Reich barocker Metaphern und eklektischer Dark-Wave-Motive mal abgesehen einer ihrer stärksten Songs.

Zwischen ihrer ansonsten durch und durch urbanen Musik und Selbstdarstellung einerseits und ihrer Jugend auf dem Land in der nördlichen Eifel anderseits sehen sie aber selbst einen Zusammenhang: Immer wollten sie sich dort von allen Anderen absetzen, war es die Großstadt, die sie fasziniert hat. Inzwischen haben sie die Natur wieder schätzen gelernt und vermissen zuweilen in deutsch-romantischer Manier die heimischen Wälder und Hügel. Eddy: »Hier in Berlin mit seinem platten Umland wünsche ich mir schon manchmal einen Hang. Einen Hang mit Bach am besten. Genau.«

Wie ihr Hang zur NDW und ihre frühere, als Sid noch dunkelhaarig war, selbst optisch verblüffende Ähnlichkeit zu DAF zu erklären ist, bleibt weiterhin ein Rätsel. Schnell fallen dagegen die Referenzen zum Electroclash: Adult, Fischerspooner, Miss Kittin & The Hacker. Doch davor: Nichts als Guns n’ Roses. Sid fällt dazu noch ein: »Ich glaube, irgendwann lag bei uns zu Hause mal eine Punk-Compilation rum, da war auch ›Tanz den Mussolini‹ drauf.«

Eigentlich sind Schwefelgelb nicht mehr und nicht weniger als die (selbst-)bewußten Kinder ihrer Generation. Sie wissen, dass sie eigentlich nichts Neues machen und auch genau, wo sie im musikalischen Kontext stehen. Wissen, dass sie keinen zweiten radikalisierten Aufschrei tun wie einst die jungen DAF. Getreu ihrem jüngsten Albumtitel »Alt und Neu« bewegen sie sich so frisch wie schwerelos in einer postpostpostmodernen Welt der Zitate und Querverweise, der ständigen Ambivalenzen und des ›anything goes‹. Zollen ihren Ahnherren Respekt, indem sie deren überholungsbedürftigen Elektroschrott mit fast schon unschuldig zu nennendem Elan neu zusammensamplen und so wiederbeleben. Lehnen sich bei der Gelegenheit gleich ein bisschen auf. »Die Trümmer deiner Stadt sind endlich verbrannt … / Wir machen aus der Asche einen Diamant … / Wir fangen wieder an!« 

Und sie vergessen dabei auch nicht, dass sie nach dem Iconic Turn und damit in einer Zeit visueller Kommunikation leben. Obwohl sie nichts perfekt machen wollen, machen sie es doch genau richtig. Fast ein bisschen zu geschliffen. Schwefelgelb sind großartig, keine Frage, doch würden wir sie uns noch ein bisschen unbequemer wünschen. Noch mehr eigenständig jung als aufbereitet jung, vergangen jung, gestern jung. Draufgängerischer und weniger abgeklärt. Doch fragen wir sie einfach selbst noch mal: Was also soll man am besten tun, solange man noch, nein, … wenn man heute jung ist? 

»Nicht warten! Nie!!!«

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