visuelle kommunikation in BERLIN, elektronische komposition in ESSEN
Beats bleepen, bohren sich unter die Haut, in Köpfe und Körper der Zuhörenden, immer mehr von den Impulsen mitgerissen. Dazu drängen sich die Konsonanten knapper deutscher Texte: »Spieglein, Spieglein an der Wand, zeig mir den Weg in ein besseres Land.«
Der knallbonbonbunte Frohsinn Neuer-Deutscher-Welle-Anleihen mischt sich hier mit abgründigeren Momenten des Electroclash und der immer so sehr nach Geheimnis klingenden EBM: Electronic Body Music, entstanden aus Industrial und dem Elektropunk der 80er Jahre.
Irgendwann dann die Tänzer, die diese Ambiguität noch verstärken: Plötzlich zwischen den Frontmännern Sid und Eddy auf der Bühne, bis auf Sicht- und Atemschlitze von Kopf bis Fuß in Neopren gehüllt, verstören sie und verbreiten Unbehagen; vielleicht auch, weil sie angesichts von Sids und Eddys Kostümiertheit und überzogenen Mimikspielen durch ihre völlige Gesichtslosigkeit an befremdliche Subjekt-Objekt-Relationen denken lassen. Schwefelgelb spielen gekonnt >mit Grenzerfahrungen und allen möglichen Zitaten.
Wer hätte das gedacht, vierundzwanzig Stunden vorher in einem Berliner Dönerladen: Zwei Jungs Mitte zwanzig, mit milchglatten Gesichtern und wirklich sehr wachen Augen, die »ch« statt »sch« sagen (Achtung: süß), reflektieren über das Gesamtkunstwerk Schwefelgelb. Halten den Kopf dabei ganz oft und irgendwie nachdenklich leicht schief geneigt.
Eddy ist klein und Sid ist groß. Sid quatscht ungleich viel mehr, prescht dauernd nach vorn, ist total offenherzig. Eddy dagegen wirkt verhaltener, zögerlich, immer ein bißchen skeptisch, ja sogar auf der Hut.
Das Gute: Sie sind viel feinfühliger als erwartet. Das Dumme: Sie sind fast zu differenziert. Würden so gerne mal richtig rumpunken, wissen dazu aber anscheinend leider viel zu sehr, was sie tun. Obwohl sie von sich sagen, sie würden einfach naiv drauflos machen, wirken sie doch immer wieder wie die abgeklärten Nachkommen weit stürmischerer Zeiten.
Wundern sich scheinbar auch nicht, dass sie, die an Werktagen noch studieren – Eddy: visuelle Kommunikation in Berlin, Sid: elektronische Komposition in Essen – derzeit an fast jedem Wochenende in europäischen Nachtclubs auftreten. Dass aus ihrer bis in die Sandkastenjahre zurückreichenden Freundschaft mittlerweile ein medienwirksames Duo mit klarer Aufgabenverteilung geworden ist, wobei Sid für die elektronische Soundsynthese und -kompression, Eddy für die Oberflächengestaltung ihrer Cover und Webauftritte zuständig ist. Was letzterer offenbar so gut macht, dass bereits das Londoner »Grafik Magazine« über sie berichtete, Modelabels auf sie aufmerksam werden: Auf der Londoner Fashion Week präsentierte sich das Label »Sibling« zum Sound von Schwefelgelb und ein deutscher Designer will jetzt Schwefelgelb-Tanktops und T-Shirts entwerfen.
Überhaupt: »Unsere Show, unsere Oberfläche ist uns genauso wichtig wie unsere Musik. Dabei machen wir alles selbst, haben keinen Stylingberater oder so.« Lieblingsdesigner können sie sich noch nicht leisten, kennen sich mit Mode eigentlich auch gar nicht sonderlich gut aus, werden lieber selbst kreativ: »Wir gehen dann eben in den Secondhandshop oder auch schon mal in die Frauenabteilung. Der Pullover hier«, Sid zupft an sich herum, »ist zum Beispiel daher.«
Gekonntes Spiel mit Grenzerfahrungen, aber auch Sehnsucht nach Hügel und Bach.
