sommerSPROSSEN & ANDERE lügen
Haben sie das nicht schon?
Ja, ich weiß. Das ist okay. Ihr Job ist extrem hart. Jede Woche müssen sie sich etwas Neues einfallen lassen. Aber ich möchte ein paar handfeste Veränderungen in der Geschäftswelt sehen. Steven Meisel hat die schwarze Ausgabe für die italienische Vogue gemacht. Alle dachten das war cool, aber nichts passierte.
Das war ein Riesenerfolg. Alle Welt redete darüber.
… aber ich habe in einem Interview mit Steven Meisel gelesen, dass er der Meinung ist, nichts habe sich wirklich geändert. Irgendein Typ wird kommen und eine Zeitschrift herausbringen, die die Antithese dessen ist, was wir in den Nullerjahren oder wie immer man dieses Jahrzehnt bezeichnen will, ständig machen: Wir bringen eine Schauspielerin auf die Titelseite, erkennen sie aber nicht, weil ihre ganze Identität mit Photoshop weggearbeitet wurde.
Was halten Sie von Beth Ditto auf dem Cover des LOVE-Magazins?
Richtig fett!? Das ist auch nicht gesund.
Es geht also nicht darum, eine 180°-Wende hinzulegen und alles ins Gegenteil zu verkehren?
Bitte nicht. Nicht anders ungesund. Wie wäre es einfach mit der Realität?
Kürzlich hab ich mir in einem Retrospektive-Katalog über die Filme von Godard und Truffaut Bilder von Schauspielerinnen aus den Sechzigern angeschaut. Für mich sahen diese schönen Frauen übergewichtig aus. Warum tut mein Auge das? Irgend etwas hat es dazu veranlaßt. Warum sehen badende Schönheiten aus den zwanziger Jahren für mich dick aus? Wir haben ein Ideal geschaffen, nach dem Perfektion nur noch per Fettabsaugung zu haben ist. Es braucht ein Gegengewicht. So etwas wollte ich erreichen.
Sie sind der gegenwärtigen und den künftigen Generationen von Frauen sehr verbunden, aber was ist mit Ihrer Generation? Und der Generation Ihrer Mutter?
Ich wünschte, ich könnte sagen, dass meine Mutter mir etwas beigebracht hat. Aber leider nein. Sie war keine Feministin. Sie wollte jemanden, der sich um sie kümmert. Sie hatte Angst. Ich wollte diejenige in der Familie sein, die den Kreis durchbricht. Gestern Abend habe ich Iman (Abdulmajid, David Bowies Ehefrau, Anm.d.Red.) kennengelernt. Sie erzählte mir, dass ihre Tochter, die multiethnische Wurzeln hat, Fragen stellt wie: »Werde ich dunkler? Werde ich heller? Wo sind die Bilder von mir?«
Das heißt, Ihre Mission ist wirklich, ein neues und reales Ideal für jemanden wie die Tochter von Iman zu schaffen? Für all die multiethnischen Teenager in der Mall?
Ja, sie sind bald überall. Das ist unsere Zukunft. Das müssen wir akzeptieren. So löschen wir den Rassismus aus.
IM ATELIER Marilyn Minter an ihrem Arbeitsplatz, wo sie Fotos in großformatige Gemälde verwandelt, auf denen Schönheit und Ekel verschmelzen.
»Mich interessiert der Glanz, den es schon gibt in der Welt. Aber es reizt mich, die Grenzen hier ein wenig zu verschieben.«

MARAVILLOSOS TRABAJOS.
SALUDO DESDE ARGENTINA. HTTP//LILIANALUCKI.BLOGSPOT.COM