DIRTYharri PECCINOTTI
War das eine Idee Ihrer Anwälte?
Nein, darum ging es eigentlich gar nicht so richtig. Man muss da was unterschreiben, was mir bis ganz zum Schluss nicht so richtig klar war. Darauf stand irgendwas und dass ich von jedem die Erlaubnis hätte, die ich aber von niemandem hatte. Offenbar kann man heute verklagt werden, wenn man Fotos einfach so verwendet.
Was war das Neue an NOVA?
Also, die Frauenbewegung war gerade in Gang gekommen. Frauen behaupteten sich. Sie saßen nicht mehr zu Hause, strickten und hüteten den Herd. Sie arbeiteten und allmählich mussten beide Ehepartner Geld verdienen, um über die Runden zu kommen. Der unglaubliche Konsumdruck begann in den frühen Sechzigern. Man musste bestimmte Dinge einfach haben. Dann kam die Prêt-à-Porter-Mode und plötzlich war es wichtig, zwei dicke Cs am Gürtel zu tragen, statt sein eigenes Ding zu machen.
NOVA war ein Experiment, um zu sehen, ob es einen Markt für eine neue Frauenzeitschrift gab. Außerdem war es kein Modemagazin an sich. Mode kam darin nicht vor. Wir wollten Farbbilder abdrucken, egal was, Bilder von Insekten zum Beispiel. Aber wir brauchten etwas, das einen fesselte, wenn man die Zeitschrift in die Hand nahm. Wir glaubten, Mode würde genau das schaffen. Der Druck, der heute herrscht, den gab es damals noch nicht. Wir waren nicht auf Werbung von der Modeindustrie angewiesen, deshalb konnten wir machen, was wir wollten. Die Leute dachten, es handle sich um eine Modezeitschrift, aber das war das Magazin ganz und gar nicht. Die Zeitschriften veränderten sich damals. In Deutschland gab es 1964/65 Twen und Town und Queen. Wir haben alle ganz nette Sachen gemacht, was ganz anderes als die großen Magazine. Viel Grafik. Die Zeitschriften transportierten eher Kunst.
Heute hat man das Gefühl, die Werbekunden entscheiden was auf die Seiten kommt.
Damals gab es so was gar nicht. Ich weiß, wie es heute ist. Wenn ich für Modemagazine fotografiere, fragt sich die Moderedakteurin die ganze Zeit besorgt, ob in jedem Bild genug Werbung steckt. Das ist sehr lästig! Sie wollen ein Close-up, aber man muss den Hut und die Schuhe noch zeigen. Das ist ein Witz!
Können Sie die kulturellen Veränderungen beschreiben, als Sie bei NOVA anfingen?
In den späten Fünfzigern waren alle Models so um die 30. Es mussten Frauen sein, denn nur Frauen dieses Alters hatten Geld. Wenn man sich alte Vogues von 1955 bis 1963/64 anschaut, sieht man diesen Modeltyp. Außerdem kriegten sie nicht viel Geld. Die Models waren Frauen aus der gehobenen Mittelklasse, die am Nachmittag nichts zu tun hatten. Wie die Frauen, die bei Vogue arbeiteten. Das änderte sich, denn als jüngere Leute zunehmend Geld hatten, spielten die Interessen der Jugend plötzlich für die Zeitschriften eine wichtigere Rolle. In den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern kam die Beat-Generation auf. Damit änderte sich die Lebenshaltung vieler Menschen wie auch die kulturelle Lebenseinstellung. Auch in der Kunst kam es zu Veränderungen. Warhol und Pop Art wurden populär. Bis dahin wirkten noch die Picassos.
Welche Skandale/Diskussionen haben Sie mit NOVA verursacht?
Ab und zu machte man etwas Aufhebens: zu viele schwarze Mädchen, zu viel Sex. Und ich glaube, wir veröffentlichten die erste Fotoreportage über einen Amerikaner, der dabei war, als seine Frau ein Kind bekam. Die Geschichte hieß »Being Happy To Have Children« oder so. Die Ausgabe war ausverkauft. So was hatte noch niemand gesehen, insbesondere Männer nicht!
Ihre Bilder waren für Frauen eine Befreiung. Gab es auch Feministinnen, die sich diskriminiert fühlten?
Das war schon sehr komisch. Viele Leute, auch Leute, die für NOVA geschrieben haben, waren der weiblichen Sexualität gegenüber sehr offen eingestellt. Ich glaube, heute gehe ich da wesentlich bewusster ran. Nicht was die Fotografie betrifft, sondern die Veröffentlichung. Damals hab ich einfach nicht darüber nachgedacht. Ich habe mir über die Verwertung, die (Aus-)Nutzung keinen Kopf gemacht. Vor kurzem habe ich gehört, dass sich Leute echt Gedanken machen, wenn sie ihren Körper, ihre Sexualität zeigen. Ich habe nie eine Frau getroffen, die ihre Sexualität nicht eingesetzt hat. Keine. Mag sein, dass es welche gibt, die anders sind, aber die sind mir nie begegnet.
Als Sie mit NOVA anfingen, war Ihnen bewußt, wie revolutionär die Zeitschrift für Frauen war?
Nein, ich glaube, wir haben einfach unser Bestes gegeben. Ich habe mein Bestes für das Visuelle gegeben und die Autoren haben ihr Bestes gegeben und wir hatten ziemlich viel Freiheit. Wenn jemand eine Meinung hatte, konnte er oder sie den Artikel aus dieser Perspektive schreiben. Er wurde nicht zensiert.
Muss man eine Frau bewundern, um ein attraktives Bild von ihr zu machen?
Wenn man sie bewundert, hilft das schon, ist aber nicht notwendig. Ich denke, wenn man wirklich jemanden bewundert und gut kennt, ist es einfacher, aber ich finde Frauen ohnehin meist ziemlich hübsch. Wenn ich sie durch die Fotografie kennenlerne, ist das nett; wenn wir einen Draht zueinander haben, hilft das.
Es gibt viele erfolgreiche schwule Fotografen, die Frauen fotografieren.
Ehrlich gesagt, zerbreche ich mir darüber nicht den Kopf. Wenn ich ein Bild mache, mache ich ein Bild. Und ich liebe die Fotografie und ich liebe Frauen. Vielleicht ist Liebe das falsche Wort, aber ich finde Frauen einfach sehr schön. Ich fotografiere nicht gern Männer, weil ich dabei nichts empfinde … Männliche Models sind nicht mein Ding. Ich mag hässliche Männer und schöne Frauen. Mir ist es egal, ob eine Frau so massig ist, wie dieser Tisch oder dürr. Ist mir völlig wurst.

[...] und Fotografie hat. Bei Damiani ist jetzt ein Bildband erschienen und in der aktuellen Ausgabe der Qvest gibt’s ein Interview mit dem Altmeister. Derek Birdsall:„Harri Peccinotti: H.P“. Bologna : [...]