ansichten eines CLOWNS

Der Inder Manish Arora und die heilsame Kraft von Cartoon-Fashion.
Es ist aus der Mode gekommen, in der Modewelt von »Avantgarde« zu reden. Der Begriff hat sich im Laufe der Jahre inhaltlich radikal verändert. Heute ist das konzeptionelle Zusammenspiel von Innovation und formalem Experiment in Verbindung mit allem, was düster, dunkel und depressiv ist, einfach passé. Ein Glück!
Wer sagt denn, um die Welt zu verändern, müsse eine Botschaft befremdend, hässlich, wenn nicht regelrecht abstoßend sein? Eigentlich niemand! Auftritt Manish Arora, der Designer aus New Delhi, der immer wieder Grenzen auslotet und sich gleichzeitig einer kindlichen Agenda verschrieben hat. Ein Erfinder, der offen ist, zugänglich, andere gern unterhält, ohne sich anzubiedern oder elitär zu geben. Sein Metier: Cartoon Fashion, Comic-Mode – mit viel greller Farbe und einer futuristischen Formensprache. Arora ist ein Konzeptkünstler des 21. Jahrhunderts, der auf Narr macht. Sein Mantra: Think & Dream. Das Ganze leichtverdaulich serviert, geradeheraus ohne Umwege. Jede seiner Kollektionen wirft Fragen auf, stellt infrage. Seine Kleider sehen oft aus wie sich verformende Werkzeuge und spielen mit Körperformen. Seine Welt ist die Tollheit in einer Realität, in der Kommerz und Vernunft regieren. Er haucht tief verwurzelten Begriffen wie Couture und Handwerk neues Leben ein. Kurz gesagt: Manish Arora ist ein Erschaffer mit einer höchst seltenen Gabe, Leichtigkeit. Trotzdem ist er nicht naiv. Man braucht Kraft und Entschlossenheit, um seinen Platz in der überfüllten Modewelt zu finden und zu behaupten, vor allem, wenn man vom anderen Ende der Welt kommt, und Indien ist weit weg. Nach dem Debüt seines namensgebenden Labels in New Delhi 1997 und seinem Aufstieg zum einzigen Megastar am Modehimmel des Subkontinents, zeigte Arora seine Schauen ab 2005 in London. Seiner Heimat ist er aber wohntechnisch treu geblieben. Später zog er auf persönliche Einladung von Monsieur Didier Grumbach, Präsident der geachteten Pariser Modekammer, weiter nach Paris. Sein Stern leuchtet gegenwärtig in der Ville Lumière. Daneben arbeitet er mit renommierten Marken wie Reebok, M.A.C. oder Swatch zusammen. Seine Geschichte ist so einfach und ungewöhnlich wie ein Comic.
Wir trafen Manish Arora in Paris in den ästhetisch unterkühlten Totem-Büros aus Beton und rostigem Stahl am Tag nach der Präsentation seiner Herbst/Winter-Kollektion 2009. Klein und nervös feuert er minikurze Sätze wie aus der Pistole. Von Angesicht zu Angesicht wirkt Manish Arora wie ein Kobold: energiegeladene, glühende Augen. Ein Mann, dessen Begeisterungsfähigkeit ansteckend ist, aber gleichzeitig ist er Pragmatismus pur. Eines ist klar: In Klischees lässt er sich nicht zwängen.
