redakteurin im Handtaschenformat
Anna Wintour schätzt den Kontrollverlust genauso wie eine Hose, die dick macht. Wer glaubte, in der Komödie »Der Teufel trägt Prada« eine knallharte Herrscherin zu sehen, dem erteilt die Chefredakteurin der amerikanischen Vogue mit dem Dokumentarfilm »The September Issue« eine Lektion: Die Wirklichkeit ist kälter, vielschichtiger und stellenweise noch amüsanter.
Der Regisseur R. J. Butler begleitete Anna Wintour, während sie an der wichtigsten, weil anzeigenstärksten Ausgabe des Jahres arbeitet. Großproduktionen werden organisiert, altgediente Redakteurinnen auf Handtaschenformat zusammengefaltet, gefeierte Designer ins Schwitzen gebracht und wie nebenbei vorgeführt, dass die ganze Industrie das Wohlwollen von Anna Wintour sucht und ihre Wünsche eilfertig ausführt.
Schon ihr Gang fasziniert: statt eines hoheitsvollen Rauschens gleicht es einem praxisorientierten Latschen. Und es mag auch Koketterie dabei sein, doch die Chefredakteurin hat sich eine fast irritierende Demut bewahrt. Ihre Familie fände ihren Job »funny«, sagt Wintour und zieht das hübsche Näschen kraus. Sie wird in diesem Jahr 60 Jahre alt, ist also nur zwei Jahre jünger als Hillary Clinton und sogar fünf Jahre älter als Angela Merkel, doch zumindest vor der Kamera fremdelt sie noch ein bisschen mit ihrer Rolle als First Lady.
»The September Issue« ist ein Fall von Embedded Journalism über eine Frau, die mit ihren Unterlingen hadert, aber mit sich im Reinen ist. Den Starbucks-Becher fest im Griff streicht Wintour ihrer treuen Mitstreiterin Grace Coddington (die wahre Heldin des Filmes) ungerührt Doppelseiten und nimmt huldvoll den unterwürfigen Dank des Designers Thakoon entgegen, dem sie eine Kooperation mit The Gap vermittelt hat.
Was man aus diesem Film lernen kann, ist absolute Zielstrebigkeit. Letztlich will Wintour nur das perfekte Heft machen. Und so, wie die amerikanische Vogue die beste Modezeitschrift der Welt ist, so ist auch »Titanic« der beste Film aller Zeiten.
