Der S9053A von Nicholas Kirkwood

Der S9053A von Nicholas Kirkwood

 

Im Grunde ist da kein großer Unterschied zwischen einem Haus und einem Kleidungsstück. Einmal vom Raum zwischen Haut und Hülle abgesehen basieren beide auf einem zweidimensionalen Muster, welches dann in bestimmter Form um den menschlichen Körper oder Teile von diesem gebaut wird. Ein für seine mitunter besonders extravagante Form der Umkleidung bekanntes Körperteil ist der Fuß, und seine Hülle – besser bekannt unter dem Namen Schuh – ist immer wieder Fokus kunstvoller Designausschweifungen. 

Der britische Designer Nicholas Kirkwood tut sich seit dem Frühjahr 2005 in diesem Bereich hervor. Er hat auch in dieser Saison einmal mehr Objekte der Begierde geschaffen, die Freundinnen hoher – im wörtlichen Sinne – Schuhdesignkunst vor Entzückung jauchzen lassen. Warum muß eine Frau ihre Füße in 12 cm hohe Plateau-Stilettos quälen, um sich dann nur festgekrallt am Arm der Begleitung bewegen zu können? 

Die Antwort liegt auf der Hand bzw. steckt am Fuß. Und das vorzugsweise in Form des Modells mit dem wohlklingenden Namen »S9053A«, in dem diese Sommersaison das Kirkwood’sche Talent kulminiert: Svarowski-Kristalle zieren den leicht klobigen, sich nach unten verjüngenden Absatz, der an der Unterseite der Ferse eine geschwungene Einkerbung aufweist und der dadurch – auf kleinem, rundem Querschnitt ruhend – insgesamt eine organisch-skulpturale Qualität bekommt. Der Fußballen wird durch ein leichtes wildlederbezogenes Plateau unterstützt, der Fuß insgesamt durch geschwungenes, silbrig glänzendes Pythonleder verkleidet. Die Ferse umschließt ein elastischer Riemen. Diese Plateausandalette meistert die etwas ungewöhnliche Grätsche zwischen Insekt und architektonischem Objekt. Ein wenig so, als hätte Zaha Hadid im Schuhdesign nicht ungeübt, nach dem Stich durch eine Malariamücke im Fieberwahn einen Stiletto entworfen. 

Zusammenführungen – vorzugsweise in Form der Kooperation mit Designkollegen – sind Nicholas Kirkwood grundsätzlich nicht fremd. So entwarf er bereits für die Rodarte-Schwestern roboterinspirierte Modelle oder ergänzte die futuristischen Designs Gareth Pughs. Was jeden seiner Schuhe ausmacht: Er ist im Grunde fast zu schade, um getragen zu werden. In der Hand möchte man ihn halten, ansehen und immer wieder zart über die Tierhaut streichen.

Mahret Kupka ist Modekritikerin und schreibt den Blog f & art.


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