Das liberty-kleid von Cacharel

Ende der sechziger Jahre landete das französische Label Cacharel einen Coup. Es entwarf eine Kollektion, die aus den sogenannten Liberty-Stoffen des gleichnamigen englischen Stofffabrikanten gefertigt war. Liberty-Stoffe zeichneten sich damals wie heute durch drei Merkmale aus: Die unvergleichliche Baumwollqualität, die schier unendlichen Varianten an floralen Prints und dadurch, das sie eher als Tagesdecke auf die Betten von lila ondulierten, britischen Großmüttern passten als an It-Girls – die man damals natürlich noch nicht so nannte.
Das Haus Cacharel wählte damals einen sehr kleinteilig bedruckten Stoff: keine barocken Ausschweifungen, sondern niedliche Blümchenwiese. Dass die Kollektion einen beispiellosen Siegeszug antrat, lag an den Blumenkindern, dem Summer of Love und damit einhergehend einer der ersten (vermutlich unbewußten) Vereinnahmungen und Reinterpretationen einer spießigen Ästhetik zum must-have.
Für diesen Sommer hat Cacharel die vierzig Jahre alte Kollektion wieder herausgebracht und zwar in der Originalversion. Für Anfänger gibt es Tücher, Blusen, Shorts und Röcke. Die Kleider, speziell das glockige Trägerkleid, sind für Fortgeschrittene und somit die interessantesten Teile der Kollektion, denn sie tragen nicht nur den Nachhall der Tagesdecke in sich, sondern zusätzlich die kondensierte Aura all dessen, was an den Hippies zuerst liebenswert, dann nervig war.
Am besten trägt man diese Kleider barfuß oder mit flachen Sandalen aus Naturleder. Kleine Busen machen sich unter dem stramm sitzenden Bündchen im Brustbereich besser als große. Dafür ist es egal, ob der Rest des Körpers in Bestform ist, denn unter einem Cacharel Liberty-Kleid ist alles auf angenehme Art und Weise umwallt und verhüllt, so dass sich unvorteilhafte Konturen gar nicht erst abzeichnen können.
Puristinnen tragen die Cacharel-Kleider ausschließlich als Flattergewand, Andere wiederum schlingen sich Gürtel um die Taille und ersetzen damit mädchenhafte Unschuld durch einen Touch weiblichen Sex-Appeals, soweit das bei diesem Kleidungsstück möglich ist. Im Idealfall meistern Trägerin und Kleid die Gratwanderung, unschuldig auszusehen und dabei kein bißchen naiv zu wirken. Die Cacharel Liberty-Kleider sind deswegen das Entzückendste, was diese Saison zu bieten hat.
Heike Blümner ist Autorin des Bestsellers »Eine Frau, ein Buch« (mit Jackie Thomae).
