Nicht mehr neu, aber besser
Gender-Aktivismus, Jeder-wie-es-ihm-passt und Songs für ihre gnadenlose Liveshow. Die kanadische Sängerin Peaches ist der einzige internationale Popstar, den Berlin seit Techno hervorgebracht hat. Und interessanterweise immer noch da.

Es gibt nicht allzu viele Künstlerinnen oder Künstler, deren Musik ein eigenes Genre bildet. Peaches ist eine davon. Einen richtigen Namen hat es nicht, man behalf sich einmal mit dem Namen Electroclash, als dieser als großer Trend um die Welt eilte. Aber im Grunde braucht es auch gar keinen Namen. Peaches’ Musik reicht. Die Musik von Peaches.
Sie ist der einzige wirkliche Star, den Berlin seit dem Mauerfall in die Welt entlassen hat. Was ziemlich erstaunlich ist. Nicht weil es nicht mehr Superstars gibt, die von Berlin aus die Welt erobert hätten – mit Stars und Größe hat man es in Berlin ja traditionellerweise nicht so, der interessante Berliner Pop ist ja immer der des sozialen Experiments. Das erstaunliche an Peaches ist, dass ausgerechnet sie dieser Star geworden ist. Denn auch heute noch könnte Merrill Nisker, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, auf der Straße an einem vorbeilaufen und man würde sie gar nicht erkennen. Die große Peaches-Kunst heißt Verwandlung, Peaches-Werden. Für eine Platte, für ein Konzert oder nur für ein Foto.
Und auch wenn ihre Shows mittlerweile äußerst aufwendige Angelegenheiten sind, mit einer Begleitband und mit verschiedenen Kostümen – im Kern ist das Peaches-Werden immer noch ganz genau so einfach wie am Anfang ihrer Karriere, wo eine Drum-Machine und ein Gummischwanz ausreichten: Die Peaches-Figur handelt von sexueller Selbstermächtigung, großer Klappe und exhibitionistischer Freude. Eine gute Kombination.
Und sie ist mit Berlin verbunden. Man vergisst es ja leicht zwischen den zahllosen DJs und Produzenten aus aller Welt, die mittlerweile die deutsche Hauptstadt bevölkern und von hier aus ihre Karrieren planen: Die Pioniere dieser Art der Selbsterfindung waren Peaches und Gonzales. Sie kamen aus Kanada, brachten einen Haufen ihrer Freunde mit und machten das, was heute alle versuchen – diese nach wie vor verhältnismäßig untermedialisierte Stadt Berlin zur Folie für ihre Selbststilisierung zu nutzen. Berlin war eine große Lücke, eine freie Fläche. Wer sie beschreiben wollte, war herzlich eingeladen. Gonzales ist mittlerweile nach Paris abgewandert. Peaches ist in Berlin geblieben. Und nicht nur die Stadt verdankt ihr eine Menge – andersherum ist es ja auch so. Der erste große Berlin-Hype der frühen Nullerjahre machte aus Peaches’ Konzept, einen minimalistischen Drum-Machine-Wumms und darüber gerappten Sex-Kram zu verbinden, ein weltweit funktionierendes Starmodell. Was natürlich auch ein riesiges Missverständnis war – denn Electroclash war ja nie dieser Berliner Sound, als der er im Rest der Welt wahrgenommen wurde. Aber Pop lebt von solchen Missverständnissen.
Das ist nun eine ganze Weile her. Was hat Peaches 2009 mitzuteilen? Wovon handelt das neue Album »I Feel Cream«? Erstens, und das ist nichts Unwichtiges, dass sie noch da ist. In schöner Hiphop-Tradition hebt das erste Stück mit den Zeilen an: »I dined and dashed on electroclash and outlast the backlash.« So beginnt die Platte und macht dann zweitens mit all den Dingen weiter, die das Peaches-Universum seit jeher in der Balance halten. Diese grundvernünftige Mischung aus Jedem-wie-es-ihm-passt, Gender-Aktivismus und Stücken, die passende Vorlagen für die Live-Shows sind. Es mag daran liegen, dass Peaches seit einiger Zeit mit der Berliner Rockband Sweet Machine zusammenarbeitet, um für die Auftritte größeren Schub zu erreichen. Aber die Songs des neuen Albums sind musikalisch ein bisschen vielfältiger geworden. Sie loten ein paar mehr Möglichkeiten aus als vorher. Peaches hat für »I Feel Cream« mit den verschiedensten Produzenten zusammengearbeitet – Simian Mobile Disco, Soulwax, Digitalism –, es gibt ein Duett mit der Rapperin Shunda K von dem lesbischen Krawallschwesternduo Yo Majesty. Neu und überraschend ist diese Musik trotzdem nicht mehr. Das war sie früher. Jetzt ist sie besser.
