frühstück bei AL-MASRI
Am besten gefällt mir sein Arbeitszimmer. »Die Treppe hier ist aus Palermo, Italien, der Leuchter aus Montpellier, Frankreich und der Fernseher von Sony, Japan.« Die Kombination aus schweren Ledersofas zwischen den überfüllten Bücherwänden, dem einfallenden Licht hinter dem massiven Schreibtisch (der nicht so aussieht, als hätte ein Inneneinrichter die »Arbeit« drapiert) lassen an die düstere Unterwelt Marlon Brandos »Paten« denken. Ein Raum, in dem über das Schicksal anderer verfügt wird und der geprägt ist von dem Gedanken, dass Blut dicker fließt als Geld.
Bei der gerahmten Bildergalerie sticht das schwarz-weiß Portrait einer Stummfilmdiva heraus: »Das ist meine Frau, sie ist Texanerin. Da war sie 16. Sie sieht aus wie Bette Davis, nicht wahr?« Seine Frau teilt ihr Leben offensichtlich schon ungefähr seit Einführung der Farbfotografie nicht mehr mit ihm. Was zwischen dem Zeitpunkt der Aufnahme und heute mit der Texanerin passiert ist, erfahre ich nicht. Ein Großteil der Fotogalerie zeigt Al-Masri mit seinem wahren Lebenspartner Arafat. »In gewissem Sinne hat er die Menschen schon korrumpiert, nicht, weil er korrupt gewesen wäre, eher, weil er seine Leute mit seiner Loyalität verwöhnte.« Nach seinem Tod gründet Al-Masri seine eigene Partei: das Palestine Forum, mit dem Ziel, die entzweiten Kräfte Fatah und Hamas zu versöhnen. Er sieht sich als Civil-Servant seines Volkes, der eine Plattform für ihre Interessen schafft. Nur zwei offizielle Ausflüge hat er in die Welt der Berufspolitik bisher gewagt (beide, wie er betont pro bono): 1970 als Minister in Jordanien und 1994 als stellvertretender Kabinettsabgeordneter für Arafat. 1993 unterzeichnet auch er den Osloer Friedensvertrag, wofür Arafat sich mit Shimon Peres und Yitzhak Rabin den Friedensnobelpreis teilen muss.
Ein anderes Foto zeigt noch einen weiteren Weggefährten, den Banker A.M. (Abdul Majeed) Shoman. »Ich habe innerhalb von sechs Monaten zwei Partner verloren: A.M. Shoman und Arafat. Es war erschütternd. 40 Jahre Partnerschaft, Freundschaft.« Dem Leiter der Arab Bank, der größten und einflußreichsten Privatbank der arabischen Welt, gab König Abdullah II. von Jordanien ein Staatsbegräbnis. A.M. Shomans Vater gründete die Bank 1930 in Jerusalem. Nach 1948 verlagerte die Bank ihr Hauptquartier nach Amman, Jordanien. A.M. wird Schatzmeister der PLO und die Bank Stützpfeiler der Bewegung. Die BinLadin Group filtert ihre Einkünfte durch ihre Tresore ebenso wie der Aga Khan. Und weil Banken immer etwas mit Geheimnis zu tun haben, verstummen dort auch die Hagiographen der Dreifaltigkeit Arafat – Shoman – Al-Masri.
Nun muß Al-Masri tatsächlich los. Ich solle wiederkommen, bald. Munib Al-Masri drückt mich fest an das sehr feine, aus sehr weicher Wolle gesponnene Revers seines Nadelstreifenanzugs. Er riecht angenehm nach Zedernholz, Weihrauch, Citrus und vielleicht, wie es in der Produktbeschreibung des Parfums No 53 von Comme des Garçons heißt: nach Geld. Vielleicht bin ich aber auch nur ein ganz klein wenig verliebt. »Yalla!« ruft der Gentleman im Gehen und: »Auf Wiedersehen!«
Der gläserne Wintergarten neben dem Tennisplatz war ein Geschenk Napoleons des 3. an die elefantöse Contralto-Sängerin (eigentlich eine Singrolle von Kastraten) Marietta Alboni, die den Monarchen Anfang des 19. Jahrhunderts mit ihrem umfangreichen, tiefen aber bekanntlich sehr süßlichen Stimmvolumen verzauberte.
