frühstück bei AL-MASRI
Wie schmeckt der 8-Uhr-Tee aus Pfefferminzblättern beim reichsten Mann Palästinas?
Der Selfmade-Man und seine deutsche Schäferhündin Angie.
Die palästinensischen Territorien Westjordanland und Gaza, bilden so etwas wie den Schließmuskel der Weltgeschichte. Vor unserem inneren Auge spielen sich Szenen einer schmutzigen, improvisierten Welt ab, gefilmt mit wackeliger Handkamera: Yassir Arafat in seiner Militäruniform und dem Küchentuch auf dem Haupt, steinwerfende Jugendliche in Flüchtlingslagern aus Beton, explodierende Lufthansa-Maschinen im Wüstensand, knackige israelische Soldatinnen mit geladenen Uzis und vermummte Märtyrer-Brigaden. Wir denken nicht an: italienische Architektur! Louis-XVI-Gobelins! Tanzende Nymphen! Puccini Opern! Napoleon! Auftritt Munib Al-Masri.
Es ist kurz vor 8 Uhr morgens, als die israelisch-amerikanische Fotografin Heidi Levine und ich auf dem Berg Gerizim ankommen, der 300 Meter steil über der Stadt Nablus im Westjordanland ansteigt. Eine knappe Stunde fährt man von Tel Aviv dorthin, wenn man ein israelisches Kennzeichen hat, den dazugehörigen Paß und die Militärkontrollen schnell passieren kann. Weiße Tauben spritzen nach allen Seiten in die Morgensonne, als Munib Al-Masri uns auf dem großen Platz vor seinem Palast erwartet, seine deutsche Schäferhündin Angie weicht nicht von seiner Seite.
Die Tauben flattern um die Kuppel des originalgetreuen Nachbaus der italienischen Villa Rotunda des venezianischen Architekten Antonio Palladio in den Himmel. Heidi hält Al-Masri an, die Vögel zurück zu holen. »Ich kann es versuchen«, lacht er und klatscht ein paar mal in die Hände. Seltsamerweise ruft er dazu: »Da, da, da.«
Das ist so bizarr getränkt mit Friedens-Metaphorik, dass ich befürchte, dass gleich Eve Marie Saint und Paul Newman mit der Exodus in dem riesigen Springbrunnen (der dem Gebäude etwas vom Taj-Mahal gibt) anlegen und die Geschichte Israels noch einmal neu schreiben. Das mag auch an Al-Masri liegen, er erinnert an einen pensionierten Hollywood-Star, der auf der Leinwand immer glaubwürdig Staatsmänner gespielt hat, in seinem dunkelblauen Nadelstreifenanzug, nicht ganz Jermyn Street aber sicher fein gekämmt in einem florentinischen Atelier. Seine Augen blitzen wie für eine Großaufnahme, als er für die Fotografin posiert. Angie gibt Pfötchen.
Sie haben wahrscheinlich noch nie von Munib Al-Masri gehört. Der 74-jährige Multimillionär war über 40 Jahre lang PLO-Chef Yassir Arafats engster Vertrauter. Gemeinsam und hoffnungsvoll haben sie den Friedensvertrag von Oslo unterschrieben und als der Revolutionsführer starb, flog Al-Masri mit dem Sarg von Paris die große Begräbnistournee. Er zog es immer vor, in der Politik des Nahen Ostens aus dem diskreten Schatten seines Logenplatzes in der ökonomischen Unabhängigkeit zu wirken. Der Geschäftsmann lässt sich zwischen seinen Terminen zu Friedensverhandlungen im ägyptischen Badeort Sharm-El-Sheikh und einer Konferenz in Ramallah nur zu einem spontanen Blitz-Frühstück à trois hinreißen, denn der Premierminister der Palästinensischen Autonomiebehörde Salam Fayyad ist soeben zurückgetreten. Ein Schachzug, zur Beruhigung des radikal-islamischen Hamasflügels, denn Fayyad war den Herren in Gaza zu US-freundlich. Al-Masri gilt als einer der Top-Anwärter für den Posten, der ihm bereits drei Mal angeboten wurde. Bisher lehnte er immer ab. »Mein Herz sagt ja, mein Verstand sagt nein.« Trotzdem schlägt er sich mit der Hand auf das Herz.
