Die CITY BAG von Louis Vuitton
Paris im Herbst: Sofia Coppola schlendert vielleicht über den Place Madeleine, einen Prototyp ihrer SC-City-Bag in asphaltfarbenem Wildleder an ihrer zarten Schulter. Ein Testgang. Sie plant, auf dem Weg in die Ateliers Louis Vuitton diese ausgezeichneten vietnamesischen Frühlingsrollen bei Fouchon zu holen. Eine launige Erinnerung an ihre früheste Kindheit am Set von Papas »Apocalypse Now«.

Im Atelier wird sie vorsichtig ein paar Lederproben zwischen Daumen und Zeigefinger abtasten. Bei der besten Tasche der Welt, da verhält es sich wie im Film, wird nichts dem Zufall überlassen. Dem Endprodukt darf man diese Mühen unter gar keinen Umständen ansehen. Die City Bag hat Sofia nur mit Essentiellem bepackt: Polaroidkamera, Schlüssel, Notizbücher, Laptop, Portemonnaie, Lippenpomade und die kleine Clutch, ebenfalls ein Prototyp aus goldenem Lammleder, für später. Sie ist froh, daß sie die Länge des Tragriemens etwas gekürzt hat und die Tasche nur sanft an der Hüfte abprallt und beim Gehen nicht am Oberschenkel wetzt. Jetzt hat das Material wirklich genau die richtige Grundsteife, ist aber eben auch nicht zu strukturiert. Sogar die Frühlingsrollen finden noch bequem Platz. Zufrieden tritt sie wieder auf die Straße.
Dort hat, wie von Zauberhand, ein Heer von unsichtbaren Profis des Coppola’schen Filmimperiums Zoetrope den ganzen Platz in ein Filmset verwandelt. Es soll alles ganz beiläufig wirken, im Briefing stand »Polaroid-Ästhetik«. Wenn Sofia so die Straße überquert, sieht die grande fille der Hollywood-Aristokratie im Gegensatz zu Millionen gewöhnlicher Pariser an diesem Montag unwirklich gut aus und dabei bestechend authentisch: Jeans, ein leicht verknittertes Oberhemd mit Button-down-Kragen. Eine Handvoll multiethnischer Statisten bevölkern die Trottoirs. Das Farbschema für »Sofia Pops into Fouchon on Her Way to Louis Vuitton« wird, wie fast alle Sequenzen aus der »On Her Way« Serie meistens in sogenannten Nullfarben gehalten. Jean-Philippe, der Regieassistent belebt nur bei bewölktem Himmel das Grau mit ein paar Farbtupfern: etwas knalliges von Margiela, ein Verkehrs-Hütchen, eine gelbe Mülltüte, et voilà!
Die Statisten sind in einem subtilen Mix aus Materialien (schimmernd, matt, wollig), Mustern (Karos und Polkadots) gekleidet. Ganz wichtig: Chiffon! Chiffon ist wie Nebel, Atem im Herbst, wie Parfum: der Stoff, der Atmosphäre sichtbar macht und Realzeit in gefühlte slow motion verwandelt. Kaum ein Material vermag so viel Stimmung zu transportieren, ohne auf lästige voice-overs zurückzugreifen. Also flattert immer irgendwo ein halbtransparenter Chiffon-Schal an dem faltigen Hals eines Charaktergesichts. Der Oberbeleuchter flutet mit einer 24 Kilowatt Dinolight die schattige Fassade. Das kosmetische, kontrastarme Licht lässt Sofias Haut wie von innen strahlen. Laub wirbelt träge, das Stativ bleibt natürlich im LKW, die Kamera atmet. Der vorbeifahrende Citroën BX Deauville (silber, 1992) gleitet mit exakt 43 km/h vorbei. Aus dem geöffneten Fenster hört man Thomas Mars’ Stimme »Long Distance Call« singen.
Jedenfalls merkt Sofia von all dem absolut: Nichts. Ihr Oberschenkel fühlt sich plötzlich kalt und feucht an. Ein dunkler Fleck hat sich neben den kleinen Messingknöpfen am Boden der SC Tasche ausgebreitet. Die Fischsauce der Frühlingsrollen ist ausgelaufen. Jean-Philippe hebt das Walkie-Talkie an seine Lippen: »Cut!«
