Das Cocktailkleid von Lanvin

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Eine der wichtigsten Fragen dieses Jahres lautet: Balmain oder Lanvin? Die russische Prinzessin Dasha Zhukova tauchte als eine der Ersten in einem schwarzen Balmain Spitzen-Minietwas bei ihrer Galerieeröffnung auf, die ganze Erbinnen- und Prinzessinnen-Clique um Eugenie Niarchos und Charlotte Casiraghi wurde regelmäßig beim Feiern und beim »Von Mario Testino fotografiert werden« in den Kleidern mit dem schrägen Träger über dem Schlüsselbein abgelichtet. Kate Winslet wusste, dass »Balmain« das Wort der Stunde war, trug es zur »Revolutionary Road«-Premiere und verlor schlagartig ihren Großmutter-Appeal.

Die ganze Balmain-Doktrin geht ganz klar auf Carine Roitfeld und Tochter Julia Restoin zurück, die beim Filmfest in Cannes 2008 darin auftauchten und damit dem Balmain-Kopf Christophe Decarnin zu schnellem Ruhm verhalfen. Die Kleider sahen elegant, aber ein bißchen euro-trashig aus. Kurz: sehr sexy, sehr parisienne. Zugegeben: Mademoiselle Julia Restoin-Roitfeld steht alles am besten. Sie gilt als offizielle Muse von Decarnin.

Spätestens seit der wundervoll kaputten Jeans mit dem glitzernden Zirkusdirektoren-Jäckchen war der Balmain-Look in Stein gemeißelt. Inspiriert von 80er Jahre Rockgrößen wie Axl Rose, deren hübschen Groupies und flamboyant gekleidetem Backstage-Personal. Leider wirkt Balmain schon jetzt antiquiert: Man kann sich Hose und Jäckchen bestens in irgendeiner Ausstellung im Victoria & Albert Museum vorstellen. Ein Teil der Kollektion hing in einem Einkaufszentrum in Malibu. Draußen war es heiß, selbst die reichen Mädchen und Jungs aus den gated communities liefen in Flip-Flops herum, niemand würde hier in die rote Leopardenhose schlüpfen. Die Zirkusjacke traute man sich gar nicht erst anzufassen, aus Angst ein Flitterteil würde abfallen. Es war wie bei einer Affäre, über die man lange nachgegrübelt hat. Und als es dann endlich soweit war, suchte man schnell nach einer Ausrede, um sich aus dem Staub zu machen. Zum Beispiel Richtung Lanvin-Laden. In der aktuellen Kampagne wird das beste Kleid der Saison – roséfarben, mit Steinen besetzt – an einer exaltierten Blonden mit Sonnenbrille inszeniert, die sich auf einem zerschlissenen Sofa räkelt und sich selbst im Spiegel küßt. Fotograf Steven Meisel und Stylist Edward Enninful – beides Meister der Illusion – haben damit mein Lieblings-Kunstwerk der Saison kreiert und bewiesen, dass Mode dann am Besten ist, wenn man sich in ihr am liebsten selbst im Spiegel küssen will. Das Unfassbare an diesem fotografischen Arrangement ist, dass unklar bleibt, für welches Jahrzehnt das Kleid gemacht wurde. Es atmet den Sex der 70er Jahre, die Eleganz der 60er, den Farbenirrsinn der 80er und die Dekadenz der 20er. Es hat keine Weltkriege gesehen, und es muss und darf nicht praktisch sein. Man könnte darin in einem ABC- oder Roxy-Music-Video auftreten und müsste sich keine Vorwürfe wegen finanzkrisenuntauglicher Exzesse machen.

Dem Designer Albert Elbaz werden viele Talente nachgesagt. Sein Look lässt Frauen nicht nur hübsch und dünn aussehen, sondern auch interessant. Seine Kleider schmücken sowohl kalifornische Airheads als auch Pariser Existentialistinnen vom Rive Gauche. Elbaz entwirft Kleider und Schuhe für Mädchen, an deren Grab man pilgern würde, vorausgesetzt, sie würden vor einem sterben. Kate Moss und Sofia Coppola lieben ihn. Ihnen geht es vielleicht wie mir: das pfirsichfarbene Bustierkleid (voller Diamanten?) ist wie eine Blitz-Verknallung, die man sich lange nicht eingestehen möchte. Ich habe Balmain inzwischen fast vergessen und versuche täglich, mich genauso aufs Sofa zu legen wie das blonde Mädchen aus der Lanvin-Anzeige.

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